Beratung: 030-232 563 98007

Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland 2015–2025

27. Oktober 2025 / Unternehmer Retter

Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland (2015–2025)

Jahreszahlen und Trend 2015–2025

Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland zeigte in den letzten zehn Jahren einen U-förmigen Verlauf. Von 2015 bis 2019 sank die jährliche Insolvenzzahl kontinuierlich auf ein Rekordtief, bevor sie ab 2020/2021 – bedingt durch staatliche Sondereffekte – zunächst künstlich niedrig blieb und anschließend stark anstieg. Im Jahr 2015 meldeten die Amtsgerichte 23.123 Unternehmensinsolvenzen. Bis 2019 sank diese Zahl auf nur noch 18.749 Fälle – den niedrigsten Stand seit Einführung der Insolvenzordnung 1999. 2020 markierte mit 15.841 Insolvenzen einen weiteren historischen Tiefstand (–15,5 % gegenüber 2019).

Im Pandemiejahr 2021 wurde mit 13.993 Insolvenzen nochmals ein Tiefpunkt erreicht (–11,7 % ggü. 2020) Nachdem die Insolvenzzahlen über ein Jahrzehnt lang rückläufig waren, drehte der Trend ab 2022 wieder nach oben. Im Jahr 2022 stieg die Zahl der Unternehmenspleiten leicht auf 14.590 (+4,3 % ggü. 2021) 2023 brachte einen deutlichen Sprung auf 17.814 Insolvenzen (+22,1 % ggü. 2022). Im Jahr 2024 beschleunigte sich der Anstieg weiter auf 21.812 Fälle (+22,4 % ggü. 2023) – der höchste Wert seit 2016.

Damit liegt 2024 etwa 5 % unter dem Vorkrisenniveau von 2019 und noch weit unter früheren Höchstständen (zum Vergleich: 2009 gab es ~32.700 Firmeninsolvenzen). Die folgende Tabelle fasst die jährlichen Fallzahlen zusammen:

Jahr Unternehmens-insolvenzen Veränderung zum Vorjahr
2015 23.123 –4,0 %
2016 21.518 –6,9 %
2017 20.093 –6,6 %
2018 19.302 –3,9 %
2019 18.749 –2,9 %
2020 15.841 –15,5 %
2021 13.993 –11,7 %
2022 14.590 +4,3 %
2023 17.814 +22,1 %
2024¹ 21.812 +22,4 %
2025² (Prognose) ≈25.000 ca. +15 %

<small>¹ Vorläufige Angabe 2024. ² Erwartungswert für 2025 (siehe Prognosen).</small>

Die pandemiebedingten Sondereffekte sind in dieser Entwicklung klar erkennbar. 2020 und 2021 lagen die Insolvenzzahlen deutlich unter dem wirtschaftlich zu erwartenden Niveau, da umfangreiche staatliche Maßnahmen eine Insolvenzwelle vorerst verhinderten. Mit Auslaufen dieser Sonderregeln kehrten die Zahlen ab 2022 zur Normalisierung zurück. In den Jahren 2023 und 2024 wurden dann wieder deutlich mehr Insolvenzen verzeichnet – allerdings immer noch nicht so viele wie in früheren Krisenzeiten (z. B. Finanzkrise 2009).

Wirtschaftliche und politische Einflussfaktoren

Die Entwicklung der Insolvenzzahlen wurde von mehreren wirtschaftlichen und politischen Faktoren geprägt:

  • COVID-19-Pandemie (2020–2021): Trotz der tiefen Wirtschaftskrise infolge der Pandemie sanken die Insolvenzen zunächst paradoxerweise. Hauptursache war die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht sowie umfangreiche Staatshilfen (u. a. Kurzarbeitergeld, Überbrückungshilfen und Steuerstundungen), welche vielen angeschlagenen Betrieben ein Überleben ermöglichten. Diese Interventionen führten zu einem Insolvenzstau: Zahlreiche nicht mehr zukunftsfähige Unternehmen blieben künstlich am Leben, anstatt direkt Insolvenz anzumelden. Dadurch fielen 2020/21 die Insolvenzzahlen auf historische Tiefstände. Allerdings bauten sich verdeckte Risiken auf, die sich mit Verzögerung entluden, als die Sonderregeln endeten.
  • Konjunktur und Rezession: Nach dem Einbruch 2020 erholte sich die Wirtschaft 2021 zunächst stark, doch ab 2022 flachte das Wachstum wieder ab. Deutschland glitt 2023 sogar in eine milde Rezession (BIP –0,6 %). Die schwache Konjunktur belastete insbesondere mittelständische Unternehmen. Ohne Rückenwind durch Wachstum stieg der Wettbewerbsdruck, und viele Firmen gerieten in finanzielle Schwierigkeiten. Creditreform berichtet, dass 2023 die anhaltend hohe Kostenbelastung zusammen mit der Rezession das Insolvenzgeschehen deutlich „befeuert“ hat.
  • Hohe Energiepreise: Die Energiekrise 2021/2022 infolge des Ukraine-Kriegs trieb Gas- und Strompreise zeitweise auf ein Vielfaches normaler Niveaus. Energieintensive Branchen (z. B. Chemie, Metall, Baustoffe) litten unter explodierenden Kosten, die oft nicht vollständig an Kunden weitergegeben werden konnten. Viele Betriebe sahen ihre Margen aufgezehrt und mussten aufgeben. Auch das Baugewerbe wurde durch teure Baumaterialien und Energiekosten hart getroffen. Laut Creditreform brachen 2023 „immer mehr Firmen unter den Dauerbelastungen der hohen Energiepreise“ zusammen. Erst ab 2023/24 entspannten sich die Energiepreise wieder etwas, dennoch blieben sie höher als vor der Krise.
  • Lieferkettenprobleme: Die Pandemie und geopolitische Krisen brachten globale Lieferketten aus dem Takt. Materialengpässe und Verzögerungen in der Zulieferung beeinträchtigten vor allem das Verarbeitende Gewerbe (z. B. Automobil- und Maschinenbau) sowie die Bauwirtschaft. Projekte verzögerten sich oder wurden unrentabel, was die finanzielle Lage vieler Betriebe schwächte. Zwar entspannten sich die Lieferketten ab 2023 etwas, doch Nachwirkungen (z. B. erhöhte Lagerkosten, Vorfinanzierungsbedarf) lasten weiter auf den Unternehmen. Unterschiede in der Branchenausrichtung führten regional zu variierenden Effekten (siehe unten).
  • Zinswende und Inflation: Seit 2022 hat die Europäische Zentralbank die Leitzinsen massiv angehoben, um die hohe Inflation zu bekämpfen. Die Finanzierungskosten stiegen dadurch spürbar. Unternehmen mit hoher Fremdkapitalquote oder kurzfristigen Krediten sehen sich nun mit teureren Anschlussfinanzierungen konfrontiert. Gleichzeitig drückt die allgemeine Inflation (2022: +6,9 %, 2023: +6,1 % in DE) auf die Realkaufkraft der Kunden und erhöht Lohnforderungen. Diese Kombination aus Kostendruck und Nachfragedämpfung verschärft die Lage vor allem in zinssensiblen Branchen (z. B. Immobilien, Bau, Handel). Experten beobachteten 2023, dass viele Firmen unter der „Zinswende“ zusammenbrechen mussten.
  • Sonstige Faktoren: Weitere Belastungen kamen hinzu, etwa der Fachkräftemangel, der gerade kleinere Betriebe in Wachstumsphasen bremst, oder strukturelle Wandel durch Digitalisierung und Klimatransformation, die Investitionen erzwingen. Politische Unsicherheiten („wirtschaftspolitischer Schlingerkurs“) und globale Risiken (Ukraine-Krieg, Handelskonflikte) sorgten ebenfalls für ein angespanntes Umfeld. Die Multiplikation dieser Krisen setzte vielen Unternehmen über Jahre zu, sodass manche 2023 insolvent gingen, die zuvor noch mit Mühe durch die Corona- und Inflationszeit gekommen waren (Nachholeffekt).
Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland 2015–2025

Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland 2015–2025

Zusammenfassend lassen sich die steigenden Insolvenzzahlen ab 2022 vor allem auf das Auslaufen der Corona-Sonderregeln und auf multiple Krisenschocks zurückführen: Pandemie, Lieferkettenprobleme, Energiepreisschock und Zinsanstieg trafen auf eine konjunkturelle Schwächephase. Diese Gemengelage hat die bis 2019 robuste Insolvenzentwicklung ins Gegenteil verkehrt.

Betroffene Branchen und ihre Häufigkeit

Insolvenzen treten nicht in allen Branchen gleichermaßen auf. Traditionell haben einige Wirtschaftsbereiche in Deutschland überproportional viele Unternehmenspleiten – z. B. das Baugewerbe und der Handel, die viele mittelständische Betriebe mit engen Margen umfassen. Aber auch das Gastgewerbe (Hotellerie und Gastronomie) weist aufgrund starker konjunktureller Schwankungen meist eine erhöhte Insolvenzwahrscheinlichkeit auf.

Vor der Corona-Krise (2015–2019) entfielen die meisten Unternehmensinsolvenzen auf Bau, Handel und Dienstleistungen. In dieser Zeit sanken jedoch in nahezu allen Branchen die Fallzahlen, da die gute Konjunktur und niedrige Zinsen viele Unternehmen trugen.

Während der Pandemie litten insbesondere das Gastgewerbe, der stationäre Einzelhandel sowie Tourismus- und Freizeitbetriebe massiv unter den Lockdowns. Dennoch blieben Insolvenzen selbst in diesen hochbetroffenen Branchen zunächst aus, weil die staatlichen Hilfen und die Aussetzung der Antragspflicht wirkten. Viele wirtschaftlich schwer getroffene Betriebe konnten so zunächst Insolvenz vermeiden, was aber teils nur eine Verschiebung darstellte.

Seit 2022 zeigen sich wieder vermehrt Insolvenzen in nahezu allen Sektoren, mit einigen deutlichen Schwerpunkten:

  • Im Baugewerbe stiegen die Insolvenzen stark an. 2023/24 meldeten hier besonders viele Unternehmen Konkurs an. Hohe Materialkosten, Zinskosten und die eingebrochene Nachfrage nach Bauprojekten führten zu einer Krise im Bau- und Immobiliensektor. 2024 war das Baugewerbe der Wirtschaftsbereich mit den meisten Insolvenzanträgen. Die Insolvenzgefährdung kletterte hier auf 10 Insolvenzen je 1.000 Unternehmen – der höchste Wert aller Branchen. Besonders betroffen waren Bauentwickler und Bauträger (z. B. die spektakuläre Signa-Insolvenz) sowie der Tief- und Straßenbau.
  • Im Einzelhandel (inkl. Versandhandel) sorgten verändertes Konsumverhalten und Konkurrenz durch den E-Commerce für Druck. 2023 kam es zu mehreren prominenten Handelsinsolvenzen – etwa der Modekette Peek & Cloppenburg und der SB-Warenhauskette Real. Insgesamt stieg die Zahl der Handelsinsolvenzen 2023 um +26 % gegenüber dem Vorjahr. Viele stationäre Händler, vor allem kleinere Geschäfte ohne starke Online-Präsenz, mussten aufgeben.
  • Die Industrie (Verarbeitendes Gewerbe) verzeichnete 2023 mit +30,2 % sogar den prozentual stärksten Anstieg der Insolvenzen. Zahlreiche Zulieferer in der Automobil- und Maschinenbaubranche gerieten in Schieflage, teils wegen der Transformation (E-Mobilität) und teils wegen gestörter Lieferketten und Energiepreisen. Allerdings ist das Verarbeitende Gewerbe insgesamt für nur etwa 10 % der Insolvenzen verantwortlich, da große Industrieunternehmen seltener Insolvenz anmelden als kleine Dienstleister oder Händler.
  • Im Dienstleistungssektor zeigte sich ein gemischtes Bild. Unternehmensnahe Dienstleistungen, insbesondere freiberufliche, wissenschaftliche und technische Dienste (wie Beratungen, Ingenieurbüros, IT-Dienstleister), hatten 2024 eine auffällig hohe Insolvenzzunahme. Ihre Insolvenzzahlen lagen deutlich über dem Niveau von 2019 – ein Hinweis, dass dieser Bereich durch die Krisen (und ggf. Nachholeffekte) stark getroffen wurde. Auch sonstige wirtschaftsnahe Dienste (z. B. Zeitarbeit, Reinigungsgewerbe) verzeichneten mehr Pleiten. Demgegenüber blieb im personenbezogenen Dienstleistungsbereich (z. B. Bildung, Kultur) die Lage etwas stabiler.
  • Das Gastgewerbe und der Tourismus kämpften nach Corona mit erhöhten Kosten und zurückhaltender Kundschaft. 2022 kam es zunächst zu einer Nachholbelebung, doch 2023/24 blieben viele Betriebe finanziell angeschlagen. Steigende Energie- und Lebensmittelkosten sowie Personalmangel führten dazu, dass weiterhin ein erhöhtes Insolvenzrisiko in Hotels, Restaurants und Reisebetrieben bestand. Regionen mit viel Tourismus (etwa Mecklenburg-Vorpommern) spürten diese Probleme besonders.
  • Verkehr und Logistik waren ebenfalls betroffen. Hohe Treibstoffpreise, Fahrermangel und gestörte Lieferketten ließen die Kosten steigen, während die Frachtraten zeitweise sanken. In der Transportbranche (Speditionen, Güterverkehr) kam es 2023/24 zu einer spürbaren Insolvenzwelle. Auch Lager- und Logistikdienstleister meldeten vermehrt Insolvenz an, da steigende Zinsen Investitionen erschwerten und einige große Kunden (insb. aus Handel/Bau) wegfielen.
  • Energieintensive Industrien (z. B. Metall, Chemie, Glas, Zement) litten – wie oben erwähnt – unter den extremen Energiepreisen. Manche mittelständische Gießerei oder Chemiefabrik sah sich 2022/23 zur Aufgabe gezwungen, wenn keine Kostenausgleichshilfen griffen.
  • Immobilienwirtschaft: Neben den Bauunternehmen sind auch Immobilienprojektentwickler und Wohnungsunternehmen in Schwierigkeiten geraten. Die Kombination aus Zinswende, Baukostensteigerung und gesunkener Immobiliennachfrage führte u. a. zur Insolvenz großer Projektentwickler (Signa Holding). 2024 war die Insolvenzwahrscheinlichkeit im Grundstücks- und Wohnungswesen deutlich höher als noch 2019.
  • Gesundheits- und Sozialwesen: Dieser Sektor war vor der Pandemie eher insolvenzarm. In jüngster Zeit stieg die Zahl der Insolvenzen jedoch überdurchschnittlich an. Gründe könnten u. a. Personalknappheit, regulatorische Änderungen und auslaufende Sonderfinanzierungen in der Pflege sein. Allerdings weist Destatis darauf hin, dass die Berechnung der Insolvenzquote im Gesundheitswesen verzerrt sein kann, da einige gemeinnützige Träger nicht erfasst werden.
Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland 2015–2025

Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland 2015–2025

Insgesamt zeigen die Jahre 2023 und 2024 einen breiten branchenübergreifenden Anstieg der Insolvenzen.

Creditreform stellt fest, dass „in allen Hauptwirtschaftsbereichen“ deutliche Zuwächse zu verzeichnen waren.

Die Krise hat sich also nicht auf einzelne Branchen beschränkt, wenngleich Bau, Handel, Dienstleistungen die höchsten absoluten Fallzahlen lieferten.

Einige Sektoren mit vormals geringen Insolvenzraten (z. B. Information/Kommunikation oder freiberufliche Dienste) verzeichneten prozentual die stärksten Zunahmen gegenüber dem Vorkrisenniveau. Dagegen blieben die Zuwächse in ohnehin krisenerprobten Branchen wie Gastgewerbe oder Verkehr eher im Rahmen des Erwartbaren.

Regionale Unterschiede

Auch regional gibt es Unterschiede im Insolvenzgeschehen. Die wirtschaftliche Struktur der Bundesländer beeinflusst, wie stark die oben genannten Faktoren durchschlagen.

Grob lässt sich feststellen:

  • Starker Anstieg in südlichen und städtischen Regionen: 2023/2024 registrierten einige große Bundesländer den kräftigsten Insolvenzzuwachs. In Baden-Württemberg stieg die Zahl der Firmenpleiten 2024 um ca. +36 % (vs. 2018) auf den höchsten Stand seit Jahren. Bayern verzeichnete ähnlich +34 % und lag damit kumuliert sogar über dem Niveau von 2018. Hier spielen Probleme in der Automobilindustrie und anderen energieintensiven Branchen eine Rolle. Berlin ragte mit +43 % Zunahme 2024 besonders heraus – das höchste Plus aller Länder. Die Hauptstadt lag sogar während der Corona-Jahre über dem Referenzwert von 2018, was auf strukturelle Schwächen (v.a. in der Dienstleistungs- und Immobilienbranche) hindeutet. Auch Rheinland-Pfalz (+37 %) und einige norddeutsche Länder wie Schleswig-Holstein (+30 %) und Hamburg (+24 %) sahen deutliche Anstiege ab 2023. In diesen Regionen wirkten sich die Krisen branchenbedingt stärker aus – etwa durch ihre exportabhängige Industrie (Süddeutschland), große Dienstleistungssektoren (Berlin, Hamburg) oder Tourismus (Küstenländer).
  • Moderate Anstiege und Nachholeffekte: Hessen (+21 % in 2024) lag leicht unter dem Bundestrend und noch knapp unter den Insolvenzzahlen von 2018. Mecklenburg-Vorpommern zeigte zwar 2024 einen starken Anstieg (+22 %), gehörte aber über die Pandemiejahre insgesamt zu den wenigen Ländern mit durchgehend überdurchschnittlichen Insolvenzzahlen (wohl wegen seiner anfälligen Tourismusbranche). Sachsen hatte nach sehr niedrigen Werten 2020/21 inzwischen wieder steigende Insolvenzen (+24 % in 2024), blieb aber im Durchschnitt seit 2018 leicht unter Vorkrisenniveau.
  • Weiterhin niedrige Insolvenzzahlen in einigen Regionen: Überraschenderweise sind in manchen Bundesländern die Insolvenzzahlen trotz der aktuellen Welle langfristig rückläufig. So verzeichnet Nordrhein-Westfalen, das bevölkerungsreichste Bundesland, zwar 2023/24 einen leichten Anstieg, liegt aber kumuliert seit 2020 im Schnitt ~12 % unter den Werten von 2018 Hier könnten statistische Effekte (hohe Unternehmensdichte) und ggf. die Branchenstruktur (breit diversifizierte Wirtschaft) eine Rolle spielen – laut Analyse sind in NRW bis zu 2.500 erwartbare Insolvenzen „ausgeblieben“. Sachsen-Anhalt weist seit Jahren kontinuierlich sinkende Insolvenzzahlen auf (∼–17 % in 2024 vs 2018). Möglicherweise verfügt Sachsen-Anhalt über eine robustere mittelständische Basis oder war weniger von Lieferkettenproblemen betroffen. Auch das Saarland blieb bis 2023 meist unter 2018er-Niveau (gesamt –13 % in 2024), was teils auf gezielte Hilfen für die dort wichtige Automobilzulieferindustrie zurückgeführt wird. Bremen verzeichnete sogar die stärksten Rückgänge: 2021 und 2022 sanken die Insolvenzzahlen dort um über 40 % gegenüber dem jeweiligen Vorjahr, kumuliert liegen sie ~24 % unter 2018. Thüringen blieb ebenfalls auf vergleichsweise niedrigem Niveau (∼–8 % in 2024 vs 2018).

Diese Polarisierung zeigt, dass die Krisenwirkungen regional unterschiedlich ausgefallen sind. Bundesländer mit starker Industrie- und Exportorientierung (Süddeutschland) oder einem hohen Anteil dienstleistungs- und immobiliengetriebener Wirtschaft (Berlin, Hamburg) verzeichneten überdurchschnittlich viele Insolvenzen. Regionen mit eher kleinbetrieblich geprägtem Mittelstand (Teile Ostdeutschlands, Saarland) scheinen bisher relativ glimpflich davongekommen zu sein – dort profitierten viele Firmen ggf. stärker von Hilfen oder hatten weniger Exposure zu den globalen Krisen.

Insgesamt hat sich der Abstand zwischen den Ländern jedoch vergrößert: 2024 lagen Berlin, BW, Bayern deutlich über dem Bundesschnitt, während NRW, Sachsen-Anhalt oder Bremen noch unter früheren Niveaus blieben. Dieser regionale Spread könnte sich in den kommenden Jahren wieder angleichen, falls sich die Wirtschaftsbedingungen normalisieren.

Auswirkungen auf Arbeitsmarkt und Gesamtwirtschaft

Arbeitsmarkt: Die Insolvenz einer Firma gefährdet in der Regel auch die Arbeitsplätze der Beschäftigten. Trotz der jüngsten Insolvenzwelle blieb der deutsche Arbeitsmarkt bis 2023 erstaunlich robust. Die Arbeitslosenquote verharrte auf vergleichsweise niedrigem Niveau (2022: 5,3 %, 2023: 5,7 %) und viele entlassene Arbeitnehmer fanden aufgrund des Fachkräftemangels rasch neue Stellen. Dennoch sind die Auswirkungen spürbar: Laut Creditreform waren 2023 rund 205.000 Arbeitsplätze von Unternehmensinsolvenzen betroffen oder bedroht – ein deutlicher Anstieg gegenüber etwa 175.000 im Jahr 2022. Erste Schätzungen für 2024 gehen von bis zu 320.000 gefährdeten Stellen aus, was einem +56 % höheren Wert als 2023 entspricht. Besonders die Großinsolvenzen hinterlassen Spuren am Arbeitsmarkt: 2023 registrierte Destatis 138 Insolvenzfälle mit Forderungen über 25 Mio. € („Großinsolvenzen“), 38 % mehr als 2022 – dazu zählen Fälle wie Galeria Karstadt Kaufhof (Einzelhandel) oder große Bau- und Handelsunternehmen. Solche Fälle ziehen oft Filialschließungen und Massenentlassungen nach sich.

Trotzdem ist die Lage nicht mit früheren Krisen vergleichbar: 2009 etwa gingen in Folge von Insolvenzen weit über eine halbe Million Jobs verloren. Die derzeitige Insolvenzwelle trifft einen Arbeitsmarkt, der durch Demografie-bedingten Personalmangel gekennzeichnet ist. In vielen Branchen können frei werdende Arbeitskräfte relativ schnell wieder eine Beschäftigung finden, was die sozialen Folgen abfedert. So blieb – trotz steigender Insolvenzen – die Zahl der Verbraucherinsolvenzen (Privatinsolvenzen) 2023 stabil bei ca. 66.200 Fällen. Der VID (Verband der Insolvenzverwalter) warnt jedoch, dass sich die Lage ändern könnte, falls die Wirtschaft weiter schwächelt und die Überschuldung privater Haushalte zunimmt. Eine Zunahme von Firmenpleiten in Kombination mit steigender Arbeitslosigkeit könnte dann zeitversetzt zu mehr Verbraucherinsolvenzen führen.

Gesamtwirtschaft: Volkswirtschaftlich sind Insolvenzen ein zweischneidiges Schwert. Einerseits führen verstärkte Insolvenzen kurzfristig zu Verlusten von Produktionskapazität, Kreditausfällen bei Banken und Lieferanten sowie einem Vertrauensverlust in der Wirtschaft. Wenn viele Unternehmen ausfallen, kann dies die Wertschöpfungsketten stören und die Konjunktur weiter belasten. Die aktuelle Insolvenzentwicklung ist sowohl Symptom der schwachen Wirtschaftslage als auch ein Risikofaktor für deren Erholung. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) betont, dass 2023 und 2024 vor allem deshalb so viele Firmen aufgeben mussten, weil die Rahmenbedingungen sich seit 2019 erheblich verschlechtert haben (u. a. Energiepreise, Nachfrageeinbruch, Unsicherheit). Die Folge ist, dass Deutschland seit 2020 insgesamt wirtschaftlich stagnierte (BIP 2020–2023 kaum höher als 2019). Insolvenzen tragen zu dieser Stagnation bei, indem sie Investitionen hemmen und Konsum dämpfen können (wenn z. B. Entlassungen erfolgen).

Andererseits erfüllen Insolvenzen langfristig auch eine bereinigende Funktion in der Marktwirtschaft. Die außergewöhnlich niedrigen Insolvenzzahlen 2020/21 haben laut Experten auch unerwünschte Nebenwirkungen gehabt: Es blieben Ressourcen (Kapital, Arbeitskräfte) in ineffizienten „Zombie“-Unternehmen gebunden, und notwendige strukturelle Transformationen wurden verzögert. Nun, mit dem Wiederanstieg der Insolvenzen, vollzieht sich gewissermaßen eine Marktbereinigung – viele wirtschaftlich nicht tragfähige Firmen scheiden aus, was mittelfristig die Produktivität der Gesamtwirtschaft erhöhen kann. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass neue, innovative Unternehmen die Lücken füllen und dass solide Betriebe nicht überproportional von externen Schocks in Insolvenz getrieben werden.

Insgesamt wird die derzeitige Insolvenzwelle von Wirtschaftsforschern als „überfällige Normalisierung“ bewertet, die aber kritisch beobachtet werden muss. Noch liegen die Fallzahlen unter historischen Hochständen, doch der sprunghafte Anstieg innerhalb von zwei Jahren ist ungewöhnlich. Sollte er sich fortsetzen, könnten die Kumulationsschäden (Arbeitslosigkeit, Kreditausfälle, Investitionslücken) das Wachstum nachhaltig beeinträchtigen. Noch jedoch bleibt der Anteil der insolvenzbedingten Unternehmensschließungen relativ gering: 2024 gingen zwar rund 22.000 Unternehmen insolvent, aber insgesamt wurden etwa 360.000 Unternehmen (gewerbliche + freiberufliche) geschlossen – nur ca. 6 % davon per Insolvenz. Die meisten Betriebsaufgaben erfolgen also ohne Insolvenzverfahren (etwa durch freiwillige Liquidation, Altersaufgabe etc.). Solange dies so bleibt, ist die Gefahr systemweiter Schäden begrenzt.

Ausblick: Prognosen für die kommenden Jahre

Die weitere Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen ist ein viel diskutiertes Thema. Experten sind sich einig, dass 2025 noch einmal erhöhte Insolvenzzahlen bringen wird – allerdings voraussichtlich mit geringerem Wachstumstempo als 2023/24. Mehrere Prognosen liegen vor:

  • Die Wirtschaftsauskunftei CRIF erwartet für 2025 bis zu 26.000 Unternehmensinsolvenzen, was etwa +18 % gegenüber 2024 entspräche. Damit würde das Niveau der Insolvenzen in etwa auf das von 2013/2014 steigen und den langfristigen Durchschnitt erreichen.
  • Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) rechnet in seinem Frühjahr 2025-Bericht mit rund 25.800 Insolvenzen im Jahr 2025 (ca. +15 %). Diese Schätzung basiert darauf, dass trotz minimalem BIP-Wachstum von ~0,1–0,4 % keine nennenswerte Entlastung für Unternehmen eintreten wird. Das IW geht jedoch davon aus, dass die Dynamik abnimmt – also zwar mehr Insolvenzen kommen, aber nicht mehr mit +20 % Zuwachs wie in 2023/24. Auch das Leibniz-Institut IWH signalisiert, dass die jahrelange Phase steigender Insolvenzzahlen sich vorerst abschwächen könnte. Erste Monatsdaten 2025 zeigen tatsächlich nur noch einstellige prozentuale Zuwächse gegenüber Vorjahr (z. B. +3,3 % im April 2025).
  • Der Berufsverband der Insolvenzverwalter (VID) ist vorsichtig optimistisch, dass 2024 den Höhepunkt markieren könnte. Er sieht Anzeichen, dass sich die Insolvenzwelle auf einem „neuen Normalniveau“ einpendelt und die Zuwachsraten 2025 geringer ausfallen. Voraussetzung sei allerdings, dass keine neuen Schocks auftreten und sich Faktoren wie Inflation, Zinsen und Energiepreise allmählich stabilisieren. In einem günstigeren Szenario wäre 2025 nur noch ein geringer Anstieg oder sogar eine leichte Entspannung möglich.
  • Andere Stimmen warnen hingegen vor verfrühter Entwarnung. Sollte die Wirtschaft erneut in eine Rezession rutschen oder sollten bisher überlebensfähige Firmen (z. B. dank Reserven) nun doch noch aufgeben, könnte die Insolvenzwelle länger anhalten. In einem negativen Szenario würde 2025 eine anhaltend hohe Insolvenzzahl (vielleicht nahe 26.000) bedeuten, gefolgt von weiter vielen Fällen 2026 („zweite Welle“). Faktoren wie geopolitische Unsicherheiten oder eine Kreditklemme im Bankensektor könnten hier eine Rolle spielen.

Die Mehrheit der Prognosen tendiert jedoch dazu, dass sich das Insolvenzgeschehen 2025/26 allmählich normalisieren wird. Das heißt, nach der Auflösung des Staus aus Zombieunternehmen und den Kriseninsolvenzen könnte sich das Niveau bei vielleicht 20.000–25.000 Fällen pro Jahr einpendeln – ein Wert, der in etwa dem Durchschnitt der 2010er Jahre entspricht. Zum Vergleich: Im Zeitraum 2015–2019 lag die Jahresmittelzahl bei rund 20.500 Insolvenzen, und diese Größenordnung könnte nach 2025 wieder erreicht werden. Allerdings hängt dies stark von der konjunkturellen Entwicklung ab. Frühindikatoren (wie die IWH-Insolvenztrendanalyse) deuten für die zweite Jahreshälfte 2024 bereits auf eine Abschwächung des Anstiegs hin. Gleichzeitig bleiben die Rahmenbedingungen 2025 unsicher – viele Branchen (Bau, Industrie) erwarten weiterhin eine schwierige Geschäftslage ohne spürbaren Aufschwung.

Die Unternehmensinsolvenzen in Deutschland sind nach einem Jahrzehnt der Rückgänge infolge von Pandemie und Energiekrise innerhalb kurzer Zeit stark angestiegen. 2023 und 2024 markierten eine Trendwende mit zweistelligen Zuwachsraten. Hauptursachen waren das Ende der staatlichen Stützungsmaßnahmen und die Belastungen durch multiple Krisen (Corona, Energie, Inflation). Betroffen sind branchenübergreifend vor allem Unternehmen, die den Dauerstress der letzten Jahre nicht mehr kompensieren konnten – vom Bauunternehmer bis zum Einzelhändler. Regional zeigen sich unterschiedliche Muster je nach Wirtschaftsstruktur.

Trotz steigender Fallzahlen blieb der gesamtwirtschaftliche Schaden bisher begrenzt, doch die Situation erfordert weiterhin Aufmerksamkeit. Für 2025 wird ein weiterer Anstieg erwartet, jedoch voraussichtlich moderater. Vieles spricht dafür, dass sich die Insolvenzzahlen mittelfristig auf einem „neuen Normal“ einpendeln werden – höher als das Ausnahmetief 2020/21, aber nicht zwingend katastrophal höher als vor der Pandemie. Entscheidend wird sein, ob es der deutschen Wirtschaft gelingt, wieder Tritt zu fassen.

Eine anhaltende Wachstumsschwäche ohne Gegenmaßnahmen könnte sonst die Insolvenzwelle verlängern und zur dauerhaften Belastung für den Arbeitsmarkt und die Gesamtwirtschaft werden.