Gründer-Mindset in der Krise: Lehren der ZEW-Studie
Gründer-Mindset in der Krise: Warum die Persönlichkeit über die Reaktion von Start-ups mitentscheidet
Eine Krise legt nicht nur Schwächen in der Bilanz offen. Sie legt Führung offen.
Sinkt der Umsatz, zieht sich ein Gründer sofort auf Kostensenkungen zurück. Ein anderer investiert in neue Produkte, obwohl die Liquidität bereits knapp ist. Eine dritte Geschäftsführung hält am bisherigen Kurs fest, weil sie den Einbruch für vorübergehend hält.
Alle sehen dieselben Zahlen. Trotzdem treffen sie grundverschiedene Entscheidungen.
Genau hier setzt eine Studie des ZEW Mannheim und der Technischen Universität München an. Sie zeigt: Persönliche Eigenschaften von Gründerinnen und Gründern hängen systematisch damit zusammen, welche Krisenstrategie ein junges Unternehmen wählt.
Risikotolerante Gründer reagieren häufiger mit operativen Innovationen. Offene Persönlichkeiten neigen eher zu grundlegenden strategischen Veränderungen. Gewissenhafte Gründer halten länger am bestehenden Weg fest. Stark verträgliche Führungspersönlichkeiten reagieren insgesamt weniger aktiv.
Das klingt zunächst nach Wirtschaftspsychologie. Für Unternehmer, Geschäftsführer und Investoren ist es jedoch handfeste Sanierungslogik.
Denn eine Unternehmenskrise wird selten allein durch falsche Zahlen verschärft. Häufig wird sie dadurch gefährlich, dass die Führung die richtigen Zahlen zu spät akzeptiert, Alternativen einseitig bewertet oder notwendige Konflikte vermeidet.
Die entscheidende Erkenntnis lautet: Persönlichkeit ist kein Schicksal. Aber sie beeinflusst, welche Handlungsoptionen eine Geschäftsführung früh erkennt, welche sie bevorzugt und welche sie ausblendet.
Die ZEW-Studie in 60 Sekunden
Das Gründer-Mindset beeinflusst in einer Krise vor allem die Wahl der Reaktionsstrategie:
- Risikotoleranz ist häufiger mit operativer Innovation statt bloßem Rückzug verbunden.
- Offenheit für neue Erfahrungen begünstigt strategische Veränderungen und grundlegende Kurswechsel.
- Gewissenhaftigkeit fördert das Durchhalten auf dem bisherigen Weg.
- Hohe Verträglichkeit kann mit einer weniger aktiven Krisenreaktion einhergehen.
- Hochschulbildung und Migrationserfahrung stehen häufiger mit innovativen Reaktionen in Verbindung.
Wichtig ist die Einordnung: Die Untersuchung zeigt statistische Zusammenhänge zwischen Gründermerkmalen und Krisenstrategien. Sie beweist nicht, dass ein bestimmter Persönlichkeitstyp automatisch erfolgreicher ist oder eine Krise sicher übersteht.
Die Studie beantwortet vor allem die Frage, wie Gründer unter Druck reagieren. Ob die gewählte Reaktion langfristig erfolgreich ist, hängt zusätzlich von Markt, Liquidität, Finanzierung, Umsetzung und rechtzeitiger rechtlicher Prüfung ab.
Was bedeutet „Gründer-Mindset“ in einer Unternehmenskrise?
Das Gründer-Mindset ist keine Sammlung motivierender Kalendersprüche. Gemeint ist das Zusammenspiel aus Persönlichkeit, Risikoneigung, Erfahrung, Wissen und eingeübten Entscheidungsmustern.
Es beeinflusst unter anderem:
- wie schnell eine Führungskraft auf schlechte Nachrichten reagiert,
- wie sie Unsicherheit bewertet,
- ob sie eher spart, investiert oder abwartet,
- wie bereitwillig sie das bestehende Geschäftsmodell infrage stellt,
- ob sie unangenehme Entscheidungen trifft,
- wie sie mit Widerstand von Mitarbeitern, Investoren und Mitgesellschaftern umgeht.
Die Forscherinnen orientierten sich an den sogenannten Big Five: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und emotionale Stabilität. Ergänzend wurde die Risikobereitschaft der Gründer erfasst.
Diese Eigenschaften sind weder gut noch schlecht. Jede kann in einer Krise nützlich werden – und jede kann zur Gefahr werden.
Ein gewissenhafter Gründer kann ein Unternehmen mit Disziplin durch eine vorübergehende Durststrecke führen. Dieselbe Gewissenhaftigkeit kann aber auch dazu führen, dass er zu lange an einem strukturell gescheiterten Modell festhält.
Eine risikobereite Gründerin kann unter Druck schnell neue Vertriebswege erschließen. Dieselbe Risikobereitschaft kann jedoch die letzte Liquiditätsreserve in ein schlecht kontrolliertes Innovationsprojekt lenken.
Nicht die Eigenschaft selbst entscheidet. Entscheidend ist, ob sie zur konkreten Krisenlage passt und durch belastbare Entscheidungsprozesse kontrolliert wird.
Was genau wurde in der Studie untersucht?
Für die Untersuchung wurden Daten von 1.408 jungen Unternehmen in Deutschland ausgewertet. Die Unternehmen waren zwischen 2012 und 2019 gegründet worden und stammten aus dem IAB/ZEW-Gründungspanel.
Die Persönlichkeitsmerkmale und die Risikobereitschaft der Gründer wurden vor der eigentlichen Krisenbefragung erfasst. Im Mai und Oktober 2020 wurden die Unternehmen anschließend dazu befragt, wie sie auf die Corona-Krise reagierten.
Dabei unterschieden die Forscherinnen fünf mögliche Krisenstrategien:
- Rückzug
- Durchhalten
- Operative Innovation
- Strategische Innovation
- Unternehmensausstieg
Mehrere Strategien konnten gleichzeitig verfolgt werden. Das entspricht der unternehmerischen Realität: Ein Unternehmen kann Kosten reduzieren, Prozesse digitalisieren und parallel einen neuen Markt prüfen.
Rückzug
Beim Rückzug reduziert das Unternehmen seine Aktivitäten und Kosten. Dazu gehören beispielsweise kürzere Arbeitszeiten, Investitionsstopps, die Aufgabe von Projekten oder der Abbau von Kapazitäten.
Der Rückzug soll Liquidität schützen. Wird er undifferenziert umgesetzt, kann er jedoch genau jene Ressourcen beschädigen, die für die spätere Erholung benötigt werden.
Durchhalten
Beim Durchhalten bleibt die strategische Richtung im Wesentlichen unverändert. Die Geschäftsführung versucht, den Schock auszusitzen, Kosten enger zu kontrollieren und die Organisation zu stabilisieren.
Diese Strategie kann bei einem vorübergehenden externen Einbruch sinnvoll sein. Sie wird gefährlich, wenn sich der Markt nicht nur vorübergehend abschwächt, sondern dauerhaft verändert hat.
Operative Innovation
Operative Innovation verändert Prozesse, Produkte oder Vertriebswege innerhalb der bestehenden strategischen Richtung.
Typische Beispiele sind:
- Digitalisierung manueller Abläufe,
- Anpassung eines bestehenden Produkts,
- Einführung eines Online-Vertriebskanals,
- Wechsel von Lieferanten,
- Automatisierung einzelner Arbeitsschritte,
- Umstellung der Leistungserbringung.
Das Geschäftsmodell bleibt im Kern bestehen. Es wird schneller, günstiger oder krisenfester gemacht.
Strategische Innovation
Strategische Innovation greift tiefer. Sie verändert beispielsweise die Zielgruppe, die Marktpositionierung, die geografische Ausrichtung, das Erlösmodell oder die langfristigen Unternehmensziele.
Hier geht es nicht nur um einen besseren Prozess. Es geht um die Frage, ob das Unternehmen künftig ein anderes Geschäft betreiben muss.
Unternehmensausstieg
Ein Ausstieg kann als Verkauf, geordnete Stilllegung, Liquidation oder insolvenzrechtliche Lösung erfolgen.
Er ist nicht automatisch ein unternehmerisches Scheitern. Ein rechtzeitig organisierter Ausstieg kann mehr Werte, Arbeitsplätze und persönliche Handlungsfreiheit erhalten als ein monatelang hinausgezögerter Zusammenbruch.
Die wichtigsten Erkenntnisse für Unternehmer und Investoren
Risikobereitschaft fördert operative Innovation
Risikotolerante Gründer reagierten häufiger mit operativen Innovationen und seltener mit einem reinen Rückzug. Sie passten Prozesse, Produkte und Vertriebswege an oder digitalisierten Arbeitsabläufe.
Die Erklärung liegt nahe: Wer Risiken eher akzeptiert, ist eher bereit, unter Zeitdruck Ressourcen in eine noch nicht vollständig abgesicherte Veränderung zu lenken.
Das kann ein erheblicher Vorteil sein. In Krisenfenstern zählt Geschwindigkeit. Ein Unternehmen, das seinen Vertrieb innerhalb weniger Wochen digitalisiert oder seine Leistungserbringung an neue Bedingungen anpasst, kann Marktanteile sichern, während Wettbewerber noch diskutieren.
Die Kehrseite ist offensichtlich: Risikobereitschaft kann zur Überinvestition führen. Wer jede neue Idee als Rettungschance interpretiert, verbraucht möglicherweise genau die Liquidität, die für eine geordnete Restrukturierung benötigt wird.
Risikobereitschaft ist wertvoll, wenn sie durch Budgets, Messpunkte und Abbruchkriterien begrenzt wird.
Offenheit begünstigt strategische Veränderungen
Gründerinnen und Gründer mit hoher Offenheit für neue Erfahrungen verfolgten häufiger strategische Innovationen. Sie stellten bestehende Annahmen infrage, passten Unternehmensziele an oder erschlossen neue Märkte.
Offenheit hilft besonders dann, wenn die Krise nicht allein durch Einsparungen oder Prozessverbesserungen zu lösen ist.
Wer gedanklich Abstand vom bisherigen Geschäftsmodell gewinnen kann, erkennt eher, dass eine andere Zielgruppe, ein neues Produkt oder ein verändertes Erlösmodell notwendig sein könnte.
Auch hier gibt es ein Risiko: Aus Offenheit kann strategische Unruhe werden. Unternehmen wechseln dann innerhalb weniger Monate mehrfach die Zielgruppe, verändern laufend ihr Angebot und starten zu viele Projekte gleichzeitig.
Ein Pivot ist kein kreativer Workshop. Er ist eine Investitionsentscheidung unter erschwerten Bedingungen.
Gewissenhaftigkeit stärkt das Durchhalten
Gewissenhafte Gründer neigen stärker dazu, den bestehenden Betrieb aufrechtzuerhalten, Prioritäten abzuarbeiten und die Organisation diszipliniert durch die Krise zu führen.
Das kann in einer zeitlich begrenzten Krise sehr wertvoll sein. Gewissenhaftigkeit schafft Ordnung, Verbindlichkeit und Umsetzungsstärke.
Sie birgt jedoch ein bekanntes Risiko: Aus Beharrlichkeit kann eine Eskalation des bisherigen Engagements werden.
Dann investiert die Führung weiter, weil bereits viel Zeit und Geld investiert wurden – nicht weil die zukünftigen Erträge überzeugen.
Durchhalten ist nur dann eine Strategie, wenn das Ziel noch erreichbar und finanzierbar ist.
Hohe Verträglichkeit kann notwendige Entscheidungen bremsen
Stark verträgliche Gründer reagierten insgesamt weniger aktiv. Besonders bei grundlegenden strategischen Veränderungen zeigte sich ein negativer Zusammenhang.
Das bedeutet nicht, dass kooperative oder empathische Führung ungeeignet wäre. Im Gegenteil: Vertrauen, Loyalität und Mitarbeiterbindung sind in einer Sanierung wertvoll.
Problematisch wird Verträglichkeit, wenn sie in Konfliktvermeidung kippt.
Strategische Veränderungen erzeugen fast zwangsläufig Widerstand. Geschäftsfelder werden geschlossen, Verantwortlichkeiten verändert, Budgets umverteilt und bisherige Überzeugungen infrage gestellt.
Wer jede Zumutung vermeiden möchte, entscheidet häufig zu spät.
Migrationserfahrung kann Strategiewechsel erleichtern
Gründerinnen und Gründer mit Migrationserfahrung verfolgten häufiger grundlegende strategische Veränderungen. Besonders ausgeprägt war dies bei unternehmerisch motivierten Gründungen, etwa aufgrund einer konkreten Geschäftsidee, des Wunsches nach Selbstbestimmung oder eines höheren Einkommens.
Eine mögliche Erklärung ist, dass Migrationserfahrung Anpassungsfähigkeit, Perspektivwechsel und den Umgang mit wechselnden Rahmenbedingungen fördern kann.
Daraus folgt jedoch keine pauschale Aussage über einzelne Personen. Biografische Erfahrung ist ein möglicher Einflussfaktor – keine Erfolgsgarantie.
Warum die Persönlichkeit in jungen Unternehmen besonders stark wirkt
In einem Konzern wird eine Krisenentscheidung durch Controlling, Rechtsabteilung, Aufsichtsgremien, Bereichsleitungen und formalisierte Prozesse gefiltert.
In einem jungen Unternehmen fehlen diese Filter häufig.
Der Gründer ist zugleich:
- Geschäftsführer,
- wichtigster Verkäufer,
- Produktverantwortlicher,
- Kapitalbeschaffer,
- Personalentscheider,
- Ansprechpartner der Investoren,
- emotionaler Eigentümer der ursprünglichen Idee.
Das schafft Geschwindigkeit. Es schafft aber auch eine gefährliche Konzentration von Wahrnehmung und Entscheidungsmacht.
Unter Druck wird die persönliche Präferenz zur Unternehmensstrategie
In ruhigen Zeiten kann eine Führungskraft Informationen sammeln, Berater einbeziehen und mehrere Szenarien prüfen. In der Krise fehlen Zeit und psychische Distanz.
Dann greifen Menschen stärker auf vertraute Muster zurück:
- Der kostenorientierte Geschäftsführer spart.
- Die Produktgründerin entwickelt.
- Der Vertriebler sucht neue Märkte.
- Der harmonische Gründer vertagt den Konflikt.
- Der gewissenhafte Unternehmer erhöht den persönlichen Einsatz.
- Der risikofreudige CEO startet das nächste Projekt.
Das Problem: Eine persönliche Stärke wird nicht automatisch zur richtigen Unternehmensstrategie.
Liquidität ist kein Persönlichkeitsmerkmal. Der Markt ebenfalls nicht.
Gründer geraten leichter in einen Wahrnehmungskorridor
Gründer verfügen über besonders viel Wissen über ihr Unternehmen. Gleichzeitig sind sie emotional, finanziell und biografisch stark gebunden.
Diese Nähe kann dazu führen, dass sie:
- schlechte Nachrichten relativieren,
- positive Einzelindikatoren überbewerten,
- versunkene Kosten verteidigen,
- Kritik als mangelnde Loyalität interpretieren,
- einen notwendigen Pivot aus Stolz ablehnen,
- eine Innovation aus Hoffnung statt aus Marktevidenz finanzieren.
Das ist kein Charakterfehler. Es ist ein Governance-Problem.
Gute Krisenführung verlangt deshalb nicht, dass Gründer ihre Persönlichkeit kurzfristig verändern. Sie verlangt Entscheidungsprozesse, die persönliche Verzerrungen sichtbar machen und begrenzen.
Die größten Risiken eines ungeprüften Gründer-Mindsets
Innovation ohne Liquiditätsdisziplin
Risikobereite Gründer erkennen Chancen häufig früh. In einer angespannten Liquiditätslage kann ihr Tatendrang jedoch zu einem unkontrollierten Mittelabfluss führen.
Ein neues Produkt, ein neuer Markt oder ein neuer Vertriebskanal benötigt fast immer mehr Zeit und Kapital als geplant. Fehlen klare Budgets, Kundenbelege und Abbruchkriterien, wird aus Innovation eine Wette.
Mut ohne Messpunkte ist kein Krisenmanagement.
Sparen ohne Sanierungslogik
Risikoaverse Führungskräfte schützen zuerst den Kassenbestand. Das ist grundsätzlich vernünftig.
Pauschale Einsparungen können jedoch Vertrieb, Produktqualität, kritisches Personal oder Lieferfähigkeit beschädigen. Das Unternehmen verbessert dann kurzfristig seine Liquidität und verschlechtert gleichzeitig seine Zukunftsfähigkeit.
Gestrichen werden sollte nicht, was teuer aussieht, sondern was für den tragfähigen Kern des Unternehmens nicht erforderlich ist.
Durchhalten trotz strukturellem Marktbruch
Eine gewissenhafte Geschäftsführung kann eine Organisation stabilisieren. Sie kann aber auch monatelang einen Markt bedienen, der nicht zurückkehrt.
Durchhalten ist nur sinnvoll, wenn drei Annahmen belastbar sind:
- Das Kernangebot löst weiterhin ein relevantes Kundenproblem.
- Die Deckungsbeiträge sind unter realistischen Bedingungen positiv.
- Die Finanzierung reicht bis zum erwarteten Erholungspunkt.
Fehlt eine dieser Voraussetzungen, ist Durchhalten keine Strategie. Es ist Zeitverbrauch.
Permanenter Pivot
Offene Gründer entwickeln viele Alternativen. Das hilft beim Erkennen neuer Möglichkeiten.
In der Krise kann daraus strategische Unruhe entstehen: neue Zielgruppe, neues Produkt, neues Preismodell und neue Region – alles gleichzeitig.
Jeder Pivot verbraucht Aufmerksamkeit, Glaubwürdigkeit und Liquidität. Strategische Offenheit braucht deshalb einen harten Auswahlprozess.
Konfliktvermeidung aus Verantwortungsgefühl
Verträgliche Gründer möchten Mitarbeiter schützen, Investoren nicht enttäuschen und Mitgesellschafter nicht übergehen.
Das Motiv ist verständlich. Die Wirkung kann dennoch verheerend sein.
Wer Personalentscheidungen, die Schließung eines Geschäftsbereichs oder ein offenes Finanzierungsgespräch hinauszögert, verkleinert den verbleibenden Handlungsspielraum.
Späte Härte ist meist härter als frühe Klarheit.
Rechtliche und finanzielle Folgen einer verspäteten Reaktion
Eine Unternehmenskrise ist keine rein strategische Situation.
Sobald Liquiditätsengpässe, fällige Rückstände oder eine gefährdete Fortführung auftreten, müssen Geschäftsleiter zusätzlich die rechtliche Lage prüfen.
Geschäftsführer haftungsbeschränkter Unternehmen müssen bestandsgefährdende Entwicklungen fortlaufend beobachten und geeignete Gegenmaßnahmen einleiten. Besonders relevant sind dabei drei Zustände:
Zahlungsunfähigkeit
Zahlungsunfähigkeit liegt vor, wenn das Unternehmen seine fälligen Zahlungspflichten nicht mehr erfüllen kann.
Drohende Zahlungsunfähigkeit
Drohende Zahlungsunfähigkeit bedeutet, dass das Unternehmen voraussichtlich nicht in der Lage sein wird, bestehende Verpflichtungen bei Fälligkeit zu erfüllen.
Überschuldung
Bei haftungsbeschränkten Unternehmen kann Überschuldung vorliegen, wenn das Vermögen die Verbindlichkeiten nicht mehr deckt und keine überwiegend wahrscheinliche Fortführungsperspektive besteht.
Bei Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung muss ein antragspflichtiges Unternehmen ohne schuldhaftes Zögern handeln. Die gesetzlichen Höchstfristen sind kein pauschaler Sanierungsaufschub.
Ob und wie lange eine Sanierung innerhalb dieser Fristen noch verfolgt werden darf, hängt von einer realistischen Aussicht ab, den Insolvenzgrund rechtzeitig zu beseitigen.
Nach Eintritt der Insolvenzreife gelten zudem erhebliche Einschränkungen für weitere Zahlungen. Pflichtwidrige Zahlungen können persönliche Haftungsrisiken auslösen. Auch strafrechtliche Folgen einer verspäteten Antragstellung sind möglich.
Die praktische Konsequenz: Wer eine Krise nur als Strategieproblem behandelt, obwohl bereits Insolvenzreife vorliegen könnte, arbeitet am falschen Problem.
Krisenbewältigung in der Praxis: Acht Schritte für Gründer und Geschäftsführer
1. Die tatsächliche Lage objektivieren
Bevor über Innovation, Einsparungen oder einen Pivot entschieden wird, braucht die Geschäftsführung ein belastbares Lagebild.
Dazu gehören mindestens:
- aktueller Bankbestand,
- sämtliche fälligen und überfälligen Verpflichtungen,
- erwartete Einzahlungen auf Einzelbelegebene,
- Löhne, Steuern und Sozialversicherungsbeiträge,
- Kreditlinien und Finanzierungsbedingungen,
- Gesellschafterdarlehen,
- offene Bestellungen und Abnahmeverpflichtungen,
- verfügbare Sicherheiten,
- realistische Absatz- und Margenannahmen.
In angespannten Situationen empfiehlt sich eine rollierende 13-Wochen-Liquiditätsplanung. Sie sollte mindestens wöchentlich mit den tatsächlichen Ein- und Auszahlungen abgeglichen werden.
Monatliche BWA-Daten reichen dafür nicht. Sie kommen zu spät, enthalten keine belastbare Fälligkeitsstruktur und verwechseln Ertrag mit Liquidität.
2. Die Krisenart bestimmen
Nicht jede Krise verlangt dieselbe Antwort.
Liquiditätskrise
Das Unternehmen hat möglicherweise ein tragfähiges Geschäftsmodell, kann seine fälligen Verpflichtungen aber nicht rechtzeitig bedienen.
Mögliche Maßnahmen:
- Forderungseinzug beschleunigen,
- Zahlungsziele neu verhandeln,
- nicht notwendige Ausgaben stoppen,
- Lager und Working Capital reduzieren,
- Überbrückungsfinanzierung prüfen.
Ertragskrise
Umsatz ist vorhanden, aber Deckungsbeiträge und Kostenstruktur reichen nicht aus.
Dann geht es um Preise, Produktmix, Einkauf, Produktivität sowie nicht profitable Kunden oder Leistungen.
Strategische Krise
Das bisherige Angebot verliert dauerhaft an Relevanz. Einsparungen können Zeit kaufen, lösen aber nicht das Grundproblem.
Hier werden operative oder strategische Innovationen erforderlich.
Stakeholderkrise
Gesellschafter, Investoren, Banken oder Führungsteam verfolgen widersprüchliche Ziele. Entscheidungen werden blockiert.
Dann ist Governance Teil der Sanierung. Zusätzliches Kapital allein löst dieses Problem nicht.
3. Das eigene Entscheidungsmuster offenlegen
Die Geschäftsführung sollte nicht nur fragen: „Welcher Persönlichkeitstyp bin ich?“
Die bessere Frage lautet:
Welche Strategie bevorzuge ich unter Druck – und welche Alternative übersehe ich deshalb wahrscheinlich?
Ein einfacher Krisencheck:
- Beginne ich sofort zu sparen?
- Möchte ich vor allem Zeit gewinnen?
- Starte ich reflexartig neue Projekte?
- Suche ich sofort einen neuen Markt?
- Vermeide ich Entscheidungen mit sozialen Folgen?
- Halte ich Kritik an der Strategie für Illoyalität?
- Verwechsle ich persönliche Ausdauer mit wirtschaftlicher Tragfähigkeit?
Jede wichtige Entscheidung sollte anschließend durch eine Gegenposition geprüft werden.
Wer investieren möchte, muss auch den Fall für den Rückzug formulieren. Wer Kosten senken will, muss erklären, welche Zukunftsfähigkeit erhalten bleibt. Wer durchhalten möchte, muss definieren, bei welchem messbaren Ereignis diese Strategie beendet wird.
4. Die passende Krisenstrategie auswählen
| Strategie | Sinnvoll, wenn … | Hauptgefahr |
|---|---|---|
| Rückzug | kurzfristig Liquidität geschützt werden muss | der tragfähige Kern wird beschädigt |
| Durchhalten | der Schock vorübergehend und das Kernmodell intakt ist | struktureller Wandel wird ignoriert |
| Operative Innovation | Nachfrage besteht, aber Prozesse oder Vertrieb angepasst werden müssen | zu viele parallele Projekte |
| Strategische Innovation | Markt oder Geschäftsmodell dauerhaft verändert sind | hoher Kapitalverbrauch ohne Evidenz |
| Ausstieg | keine realistische Finanzierung oder Fortführung besteht | durch Verzögerung werden Werte vernichtet |
Die Strategien schließen sich nicht gegenseitig aus.
Häufig ist eine Kombination richtig: zunächst Liquidität schützen, anschließend operative Anpassungen umsetzen und parallel einen strategischen Umbau prüfen.
5. Liquiditätsschutz und Innovation trennen
Ein häufiger Fehler besteht darin, Innovationsausgaben mit der pauschalen Begründung „Wir müssen wachsen“ vom Krisenprogramm auszunehmen.
Besser ist ein Zwei-Spuren-Modell.
Spur A: Liquidität und Stabilisierung
- nicht notwendige Ausgaben stoppen,
- tägliche Zahlungsfreigaben einführen,
- Forderungen priorisiert einziehen,
- Lieferanten und Finanzierer früh ansprechen,
- Kosten am Zielmodell ausrichten,
- rechtlichen Status fortlaufend prüfen.
Spur B: Zukunftssicherung
- höchstens zwei oder drei Innovationshypothesen gleichzeitig verfolgen,
- jedes Vorhaben separat budgetieren,
- feste Zeitfenster festlegen,
- konkrete Kundenbelege definieren,
- klare Abbruchkriterien beschließen.
Statt einen hohen Betrag sofort in ein vollständig neues Produkt zu investieren, kann ein Unternehmen zunächst einen begrenzten Markttest durchführen.
Erst wenn vorher definierte Kunden- und Ergebnisziele erreicht werden, wird die nächste Investitionsstufe freigegeben.
6. Eine belastbare Krisen-Governance einrichten
Die Persönlichkeit des Gründers wirkt besonders stark, wenn niemand strukturiert widerspricht.
Ein funktionierendes Krisenteam sollte deshalb mindestens folgende Perspektiven abdecken:
- Geschäftsführung und Markt,
- Finanzen und Liquidität,
- operative Umsetzung,
- Recht und Insolvenzstatus,
- Gesellschafter und Finanzierung,
- unabhängige Gegenprüfung.
Für jede zentrale Maßnahme werden dokumentiert:
- Annahme
- erwarteter Effekt
- Liquiditätswirkung
- Verantwortlicher
- Termin
- Messgröße
- Abbruch- oder Eskalationspunkt
Das wirkt zunächst bürokratisch. Fehlende Dokumentation und verspätete Entscheidungen sind in einer späteren Sanierung allerdings erheblich unangenehmer.
7. Investoren, Banken und Gläubiger strukturiert ansprechen
Stakeholder akzeptieren schlechte Nachrichten eher als unklare Nachrichten.
Eine professionelle Krisenkommunikation beantwortet fünf Fragen:
- Was ist konkret passiert?
- Wie groß ist die finanzielle Auswirkung?
- Welche Maßnahmen wurden bereits umgesetzt?
- Welchen Beitrag soll der jeweilige Stakeholder leisten?
- Was geschieht, wenn keine Einigung erreicht wird?
Ein bloßer Appell an Vertrauen reicht nicht. Ebenso wenig überzeugt eine Planung, die ausschließlich den Best Case zeigt.
Investoren sollten prüfen, ob neues Geld einen tragfähigen Zielzustand finanziert oder lediglich den bisherigen Verlust verlängert.
Eine Überbrückungsfinanzierung braucht eine klare These, messbare Meilensteine und einen Plan für den Fall, dass diese Meilensteine nicht erreicht werden.
8. Einen 30-Tage-Krisenplan umsetzen
Tag 1 bis 3: Kontrolle herstellen
- Liquiditätsbestand und fällige Verpflichtungen feststellen
- 13-Wochen-Plan aufsetzen
- Zahlungsfreigaben zentralisieren
- Insolvenzstatus qualifiziert prüfen lassen
- kritische Mitarbeiter und Kunden identifizieren
- Daten für Finanzierung und Beratung vorbereiten
Tag 4 bis 7: Optionen rechnen
- Ergebnis- und Liquiditätstreiber analysieren
- sofort umsetzbare Maßnahmen beschließen
- Rückzug, Durchhalten, Innovation und Ausstieg vergleichen
- persönliche Führungspräferenzen offenlegen
- Entscheidungsgremium und Berichtsfrequenz festlegen
Woche 2: Stakeholder sichern
- Gesellschafter und Finanzierer strukturiert informieren
- Lieferanten- und Kundenvereinbarungen verhandeln
- Finanzierungslücken und Sicherheiten klären
- Personalmaßnahmen vorbereiten
- erste operative Innovationstests starten
Woche 3: Sanierung umsetzen
- Kostenstruktur am Zielmodell ausrichten
- unprofitable Leistungen oder Kunden bearbeiten
- Working Capital reduzieren
- Innovationsprojekte anhand realer Marktdaten bewerten
- strategische Alternativen einschließlich Verkauf prüfen
Woche 4: Richtungsentscheidung treffen
Am Ende des ersten Monats sollte klar sein, welcher Pfad verfolgt wird:
- Fortführung des bisherigen Modells,
- operative Restrukturierung,
- strategischer Pivot,
- zusätzliche Finanzierung,
- Verkauf oder Beteiligungslösung,
- präventive Restrukturierung,
- geordneter Ausstieg,
- insolvenzrechtliches Verfahren.
Nicht jede Krise lässt sich innerhalb von 30 Tagen lösen. Innerhalb von 30 Tagen sollte aber erkennbar sein, ob eine Lösung realistisch finanziert und umgesetzt werden kann.
Drei typische Praxisszenarien
Die folgenden Fälle sind typisierte und anonymisierte Fallbilder. Sie zeigen Entscheidungslogiken, keine Erfolgsgarantien.
Szenario 1: Der risikofreudige Produktgründer
Ein Softwareunternehmen verfügt noch über 280.000 Euro Liquidität. Der monatliche Mittelabfluss liegt bei 90.000 Euro. Gleichzeitig sinken die wiederkehrenden Umsätze.
Der Gründer möchte eine neue Plattform entwickeln. Geplante Kosten: rund 220.000 Euro.
Sein Innovationsimpuls kann richtig sein. In der vorliegenden Form würde das Projekt jedoch fast die gesamte verbliebene Liquidität binden.
Die bessere Lösung:
- Entwicklungsbudget zunächst begrenzen,
- einen kurzfristigen Prototyp erstellen,
- bestehende Kunden strukturiert befragen,
- zahlungsbereite Pilotkunden verlangen,
- parallel nicht notwendige Kosten reduzieren,
- Folgeinvestitionen nur bei Erreichen definierter Ziele freigeben.
Die Risikobereitschaft wird nicht unterdrückt. Sie wird in ein kontrolliertes Experiment übersetzt.
Szenario 2: Die konfliktvermeidende Geschäftsführung
Ein Handelsunternehmen verliert zwei Großkunden. Die Kapazitäten sind nun deutlich zu hoch.
Die Geschäftsführung weiß, dass Personal- und Standortentscheidungen erforderlich sind, möchte die Belegschaft jedoch nicht verunsichern.
Drei Monate später ist die Liquiditätsreserve weitgehend verbraucht. Nun fallen die Einschnitte härter aus, weil alternative Maßnahmen nicht mehr finanziert werden können.
Das Gegenmittel besteht aus verbindlichen Schwellenwerten:
- Unterschreitet der Auftragseingang einen definierten Wert, wird Maßnahme A ausgelöst.
- Reicht die Liquidität nicht mehr für einen festgelegten Zeitraum, folgt Maßnahme B.
- Wird bis zu einem bestimmten Datum kein Ersatzkunde gewonnen, wird die Standortentscheidung getroffen.
So wird eine emotional belastende Entscheidung nicht täglich neu verhandelt.
Szenario 3: Strategische Offenheit mit internationaler Erfahrung
Ein junger Industriezulieferer verliert infolge eines Markteinbruchs einen wesentlichen Teil seines Inlandsgeschäfts.
Das Gründungsteam verfügt über internationale Netzwerke und erkennt Nachfrage in einer anderen Region.
Die geografische Expansion ist eine strategische Innovation. Sie ist aber erst tragfähig, wenn zusätzlich geprüft werden:
- lokale Zertifizierungen,
- Zahlungsbedingungen,
- Währungs- und Ausfallrisiken,
- tatsächliche Vertriebskosten,
- Lieferfähigkeit,
- Deckungsbeiträge nach Logistik,
- Kapitalbedarf bis zum Zahlungseingang.
Erfahrung und Offenheit schaffen die Option. Erst die finanzielle und operative Prüfung macht daraus eine Sanierungsstrategie.
Häufige Fehler bei der Krisenbewältigung
Persönlichkeit mit Schicksal verwechseln
Die Studie liefert keine Typologie der guten und schlechten Gründer. Sie zeigt Wahrscheinlichkeiten und Zusammenhänge.
Entscheidungsverhalten lässt sich durch Prozesse, Teams, Beratung und verbindliche Kriterien erheblich steuern.
Nur Kosten oder nur Wachstum betrachten
Sanierung ist kein Wettbewerb zwischen Sparern und Visionären.
Ein tragfähiges Konzept muss Liquidität schützen und zugleich den wirtschaftlichen Kern erhalten.
Monatliche Zahlen für ausreichend halten
In einer akuten Krise zählt die Fälligkeit jeder wesentlichen Zahlung.
Eine BWA erklärt die Vergangenheit. Eine Liquiditätsplanung steuert die nächsten Wochen.
Die erste Idee als Strategie verkaufen
Ein Pivot ist zunächst eine Hypothese.
Erst Kundenbelege, Deckungsbeiträge und eine finanzierbare Umsetzung machen ihn zur Strategie.
Auf vollständige Sicherheit warten
Krisenentscheidungen müssen häufig unter Unsicherheit getroffen werden. Vollständige Daten sind selten verfügbar.
Das rechtfertigt keine Bauchentscheidung. Es verlangt Szenarien, Schwellenwerte und kontrollierte Experimente.
Gesetzliche Fristen als Sanierungsurlaub verstehen
Gesetzliche Höchstfristen dürfen nicht pauschal ausgeschöpft werden.
Der rechtliche Status muss unverzüglich qualifiziert geprüft und fortlaufend überwacht werden.
Externe Hilfe erst bei leerem Konto suchen
Je später ein Restrukturierungsexperte eingeschaltet wird, desto weniger Instrumente stehen zur Verfügung.
Beratung ist besonders wertvoll, solange noch entschieden werden kann – nicht erst, wenn nur noch reagiert wird.
Häufig gestellte Fragen zum Gründer-Mindset in der Krise
Was zeigt die ZEW-Studie über Gründer in Krisen?
Die Studie zeigt, dass persönliche Eigenschaften mit der Wahl bestimmter Krisenstrategien zusammenhängen. Risikotoleranz begünstigt operative Innovation, Offenheit strategische Veränderungen und Gewissenhaftigkeit das Durchhalten.
Beweist die Studie, dass das Mindset über das Überleben entscheidet?
Nein. Untersucht wurde vor allem die Wahl von Krisenmaßnahmen, nicht deren langfristiger Erfolg. Ob ein Unternehmen überlebt, hängt zusätzlich von Finanzierung, Markt, Umsetzung und rechtzeitigem Handeln ab.
Was ist ein Gründer-Mindset?
Das Gründer-Mindset umfasst Risikoneigung, Offenheit, Beharrlichkeit, Konfliktverhalten, Erfahrung und typische Entscheidungsmuster. Es beeinflusst, welche Optionen eine Führungskraft unter Druck bevorzugt oder übersieht.
Welche Persönlichkeitsmerkmale wurden untersucht?
Untersucht wurden Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und emotionale Stabilität. Zusätzlich berücksichtigte die Studie die Risikobereitschaft sowie Bildungs- und Erfahrungshintergründe.
Was ist operative Innovation in einer Krise?
Operative Innovation verändert Produkte, Prozesse, Arbeitsabläufe oder Vertriebswege innerhalb der bisherigen strategischen Richtung. Beispiele sind Digitalisierung, ein neuer Vertriebskanal oder die Anpassung eines bestehenden Produkts.
Was ist strategische Innovation?
Strategische Innovation verändert grundlegende Elemente des Unternehmens. Dazu gehören neue Zielgruppen, geografische Märkte, Erlösmodelle, Unternehmensziele oder ein weitreichender Umbau des Geschäftsmodells.
Ist hohe Risikobereitschaft in einer Krise gut?
Sie kann schnelle Anpassungen und Innovationen erleichtern. Ohne Budgets, Kundennachweise und Abbruchkriterien erhöht sie jedoch die Gefahr, die verbliebene Liquidität in unsichere Projekte zu investieren.
Ist Risikoaversion grundsätzlich schädlich?
Nein. Risikoaverse Führungskräfte können Liquidität diszipliniert schützen. Gefährlich wird die Haltung erst, wenn notwendige Investitionen unterbleiben oder der zukunftsfähige Kern des Unternehmens weggespart wird.
Warum können verträgliche Gründer weniger aktiv reagieren?
Grundlegende Veränderungen erzeugen Konflikte und Zumutungen. Stark verträgliche Menschen neigen eher dazu, Widerstand zu vermeiden, wodurch notwendige Entscheidungen verzögert werden können.
Welche Krisenstrategie ist die beste?
Es gibt keine generell beste Strategie. Die richtige Wahl hängt von Krisenursache, Liquiditätsreichweite, Marktveränderung, Finanzierung und Umsetzungsfähigkeit ab.
Kann ein Gründer sein Krisen-Mindset verändern?
Grundlegende Persönlichkeitszüge verändern sich meist nicht kurzfristig. Entscheidungsverhalten kann jedoch durch Gegenstimmen, klare Prozesse, externe Beratung, Schwellenwerte und dokumentierte Szenarien wirksam korrigiert werden.
Was sollte ein Start-up bei einer Krise zuerst tun?
Zuerst müssen Liquidität, fällige Verpflichtungen und der rechtliche Status geklärt werden. Erst danach sollte über Kostensenkung, Finanzierung, Innovation oder einen Pivot entschieden werden.
Wie weit sollte eine Liquiditätsplanung reichen?
Für die kurzfristige Steuerung hat sich eine rollierende Planung über mindestens 13 Wochen bewährt. Ergänzend benötigt die Geschäftsführung eine längerfristige Fortführungs- und Finanzierungsplanung.
Wann sollte ein Restrukturierungsberater eingeschaltet werden?
Sobald Planabweichungen wiederholt auftreten, die Liquiditätsreichweite sinkt oder Gesellschafter und Finanzierer unterschiedliche Erwartungen haben. Besonders dringend ist externe Hilfe bei fälligen Rückständen oder Zweifeln an Zahlungsfähigkeit und Fortführung.
Wann muss ein Insolvenzantrag gestellt werden?
Bei antragspflichtigen Rechtsträgern muss nach Eintritt von Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung ohne schuldhaftes Zögern gehandelt werden. Die gesetzlichen Höchstfristen dürfen nur genutzt werden, wenn eine rechtzeitige Beseitigung des Insolvenzgrundes realistisch ist.
Was bedeutet drohende Zahlungsunfähigkeit?
Drohende Zahlungsunfähigkeit liegt vor, wenn das Unternehmen voraussichtlich nicht in der Lage sein wird, bestehende Verpflichtungen bei Fälligkeit zu erfüllen. Sie ist ein deutliches Warnsignal und sollte frühzeitig geprüft werden.
Welche Rolle sollten Investoren in einer Start-up-Krise übernehmen?
Investoren sollten nicht nur zusätzliches Kapital bereitstellen. Sie sollten Annahmen prüfen, Entscheidungsprozesse stabilisieren, Meilensteine definieren und sicherstellen, dass neues Geld einen tragfähigen Zielzustand finanziert.
Was kostet eine professionelle Restrukturierungsberatung?
Die Kosten hängen von Unternehmensgröße, Datenqualität, Zeitdruck und Leistungsumfang ab. Ein seriöses Mandat definiert zu Beginn konkrete Arbeitsergebnisse, Verantwortlichkeiten, Vergütungsstruktur und Budget.
Kann ein Start-up trotz knapper Liquidität innovieren?
Ja, aber Innovation muss in kleine, überprüfbare Schritte zerlegt werden. Zeitlich begrenzte Tests, feste Budgets und konkrete Kundenbelege reduzieren das Risiko, die gesamte Liquiditätsreserve zu verbrauchen.
Wann ist ein Unternehmensausstieg sinnvoll?
Ein Ausstieg sollte geprüft werden, wenn keine finanzierbare Fortführung besteht oder ein Verkauf mehr Wert erhält als weiteres Durchhalten. Ein früh organisierter Prozess schafft meist mehr Optionen als eine Entscheidung unter unmittelbarem Vollstreckungsdruck.
Gründer brauchen kein neues Wesen, sondern ein besseres Entscheidungssystem
Die ZEW-Studie liefert eine wichtige Erklärung dafür, warum Unternehmen auf denselben externen Schock unterschiedlich reagieren.
Risikotolerante Gründer innovieren eher operativ. Offene Führungspersönlichkeiten stellen das Geschäftsmodell grundlegender infrage. Gewissenhafte Unternehmer halten länger durch. Stark verträgliche Gründer vermeiden möglicherweise eher harte Brüche.
Keines dieser Muster ist automatisch richtig oder falsch.
Entscheidend ist die Passung zur Krisenursache. Ein vorübergehender Auftragseinbruch verlangt eine andere Reaktion als ein dauerhaft verändertes Kundenverhalten. Ein kurzfristiges Liquiditätsproblem ist anders zu behandeln als ein strukturell unrentables Geschäftsmodell.
Professionelle Krisenführung beginnt deshalb mit drei nüchternen Fragen:
- Wie ist die tatsächliche wirtschaftliche und rechtliche Lage?
- Welche Strategie verlangt diese Lage?
- Welche persönliche Präferenz könnte unsere Entscheidung verzerren?
Die Persönlichkeit des Gründers bleibt wichtig. Sie darf jedoch nicht unkontrolliert zur Unternehmensstrategie werden.
Der logische nächste Schritt bei einer akuten Unternehmenskrise
Wenn die Liquiditätsreichweite schrumpft, Investoren unruhig werden oder ein strategischer Kurswechsel ansteht, sollte nicht zuerst über Optimismus gesprochen werden.
Zuerst braucht es Klarheit:
- Liegt ein kurzfristiger Engpass oder eine strukturelle Krise vor?
- Welche Maßnahmen schützen sofort Liquidität?
- Ist das bestehende Geschäftsmodell noch tragfähig?
- Welche Finanzierungs- und Restrukturierungsoptionen sind realistisch?
- Bestehen bereits insolvenzrechtliche Risiken?
- Welche Entscheidung muss in den nächsten Tagen getroffen werden?
Ein vertrauliches Erstgespräch mit einem erfahrenen Sanierungs- oder Restrukturierungsexperten schafft keine künstliche Sicherheit.
Es schafft etwas Wertvolleres: eine unabhängige Einschätzung, solange noch echte Handlungsoptionen bestehen.
Denn in der Krise ist nicht die unangenehme Entscheidung das größte Risiko. Das größte Risiko ist die Entscheidung, die zu lange nicht getroffen wird.
Redaktioneller Hinweis
Dieser Beitrag dient der allgemeinen unternehmerischen Information und ersetzt keine Rechts-, Steuer-, Finanzierungs- oder Insolvenzberatung im Einzelfall. Bei Anzeichen von Zahlungsunfähigkeit, Überschuldung oder drohender Zahlungsunfähigkeit sollte unverzüglich qualifizierte rechtliche und betriebswirtschaftliche Beratung eingeholt werden.


