Grüner Stahl: Milliarden-Subventionen vor dem Scheitern
Grüner Stahl: Deutschlands Milliardenwette droht zur industriepolitischen Fehlinvestition zu werden
Nach den öffentlich bekannten Förderzusagen ergibt sich folgende Größenordnung:
| Unternehmen | Öffentliche Förderung |
|---|---|
| Thyssenkrupp Steel | ca. 2,0 Mrd. € |
| Stahl-Holding-Saar | ca. 2,6 Mrd. € |
| Salzgitter AG (SALCOS) | ca. 1,322 Mrd. € |
| Gesamt | ca. 5,922 Milliarden Euro |
Zusammenfassung:
- Fast 6 Milliarden Euro Steuergeld wurden für den Umbau der deutschen Stahlindustrie zugesagt.
- Das entspricht rund 5.922.000.000 Euro.
- Bei rund 84 Millionen Einwohnern entspricht das etwa 70 Euro pro Bundesbürger – vom Säugling bis zum Rentner.
- Bei rund 46 Millionen Steuerzahlern entspricht dies rechnerisch etwa 129 Euro je Steuerzahler.
Wichtig ist die Einordnung: Nach den vorliegenden Informationen handelt es sich überwiegend um bewilligte Förderzusagen. Nicht zwangsläufig sind sämtliche Mittel bereits vollständig ausgezahlt. Die Projekte befinden sich in unterschiedlichen Bau- und Umsetzungsphasen.
Der Kern der Kritik besteht deshalb weniger darin, dass bereits alle sechs Milliarden Euro endgültig verloren wären, sondern darin, dass fast sechs Milliarden Euro an öffentlichen Mitteln auf ein Geschäftsmodell gesetzt wurden, das nach der PwC-Studie in keinem der untersuchten Szenarien für Deutschland dauerhaft wettbewerbsfähig erscheint.
Die Bundesregierung hat den Umbau der deutschen Stahlindustrie zu einem Vorzeigeprojekt ihrer Klima- und Industriepolitik erklärt. Mit milliardenschweren Förderzusagen sollen alte Hochöfen durch klimafreundlichere Direktreduktionsanlagen ersetzt werden. Erdgas soll zunächst die Kohle ablösen, später soll grüner Wasserstoff für nahezu emissionsarmen Stahl sorgen.
Die politische Erzählung klingt überzeugend: Deutschland erhält seine Stahlindustrie, schützt Arbeitsplätze, reduziert den CO₂-Ausstoß und wird zugleich technologischer Vorreiter einer klimaneutralen Grundstoffproduktion.
Doch diese Strategie könnte an einer einfachen wirtschaftlichen Wahrheit scheitern:
Eine technisch funktionierende Anlage ist noch lange kein wettbewerbsfähiges Geschäftsmodell.
Eine aktuelle PwC-Untersuchung kommt zu einem für die Bundesregierung verheerenden Ergebnis. Nicht nur die klassische Hochofenproduktion, sondern auch die klimafreundlichere Primärstahlproduktion auf Basis von Direktreduktion könnte in Mitteleuropa langfristig kaum wirtschaftlich betrieben werden.
Die günstigsten Standorte für CO₂-armen Primärstahl liegen demnach in Indien, den Golfstaaten und unter bestimmten Voraussetzungen in Skandinavien – nicht in Deutschland.
Damit steht nicht nur die Zukunft der deutschen Stahlindustrie infrage. Infrage steht auch, ob der Staat Milliarden Euro in Anlagen investiert, deren späterer Betrieb dauerhaft auf weitere Subventionen angewiesen sein könnte.
Der eigentliche Skandal besteht deshalb nicht darin, dass die Bundesregierung eine Transformation unterstützt.
Der Skandal besteht darin, dass sie Milliarden zugesagt hat, bevor die entscheidenden Voraussetzungen gesichert waren:
ausreichend günstiger Strom, bezahlbarer Wasserstoff, belastbare Lieferverträge, ein funktionierender Markt für grünen Stahl und ein realistischer Weg zu international wettbewerbsfähigen Produktionskosten.
Die Politik hat zuerst die Milliardenanlagen bestellt und danach begonnen, nach dem wirtschaftlichen Fundament zu suchen.
Fast sechs Milliarden Euro öffentliche Förderung für drei Stahlprojekte
Allein die drei großen deutschen Transformationsprojekte erhalten zusammen öffentliche Förderzusagen von fast sechs Milliarden Euro:
- rund zwei Milliarden Euro für Thyssenkrupp Steel in Duisburg,
- rund 2,6 Milliarden Euro für die Stahl-Holding-Saar,
- inzwischen rund 1,322 Milliarden Euro für die erste Ausbaustufe des SALCOS-Projekts der Salzgitter AG.
Insgesamt ergibt sich daraus eine Förderung von rund 5,922 Milliarden Euro durch Bund und Länder.
Dabei muss sauber unterschieden werden: Nicht jeder bewilligte Euro ist bereits ausgezahlt und nicht jede geförderte Anlage ist automatisch wertlos. Die Projekte befinden sich in unterschiedlichen Entwicklungs- und Bauphasen.
Dennoch hat sich der Staat bereits politisch und finanziell weitgehend festgelegt. Milliardenprojekte wurden begonnen, Anlagen bestellt, Verträge geschlossen und Erwartungen bei Unternehmen, Beschäftigten, Gewerkschaften und Regionen geschaffen.
Damit wächst der politische Druck, die Projekte auch dann weiterzufinanzieren, wenn sich ihre wirtschaftlichen Voraussetzungen weiter verschlechtern.
Genau darin liegt das eigentliche Risiko.
Aus einer zunächst begrenzten Investitionsförderung kann eine jahrzehntelange Verpflichtung werden, laufende Mehrkosten ebenfalls auszugleichen.
Der Kardinalfehler: Technische Machbarkeit wurde mit Wirtschaftlichkeit verwechselt
Wasserstoffbasierte Direktreduktion ist technisch möglich. Das ist unbestritten.
Mit Wasserstoff oder Erdgas lässt sich Eisenerz reduzieren, ohne dafür wie im klassischen Hochofen große Mengen Koks zu verbrennen. Anschließend kann das reduzierte Eisen in einem Elektrolichtbogenofen zu Stahl verarbeitet werden.
Doch Industriepolitik darf sich nicht mit der Frage begnügen, ob ein Verfahren technisch funktioniert.
Sie muss beantworten, ob das Produkt anschließend zu Preisen hergestellt werden kann, die Kunden im internationalen Wettbewerb bezahlen können.
Genau an dieser Stelle bricht die deutsche Strategie auseinander.
Die Bundesregierung hat den Eindruck vermittelt, die Transformation bestehe im Wesentlichen darin, einen alten Hochofen durch eine moderne Direktreduktionsanlage zu ersetzen. Danach könne die deutsche Stahlproduktion nahezu unverändert weiterlaufen – nur klimafreundlicher.
Tatsächlich verändert die Dekarbonisierung die gesamte Geografie der Stahlproduktion.
Bei der bisherigen Hochofenroute waren gewachsene Hüttenstandorte, Kokereien, Fachkräfte, Bahnanschlüsse, Häfen und industrielle Netzwerke entscheidend.
Bei der Direktreduktion gewinnen andere Standortfaktoren massiv an Bedeutung:
- sehr günstiger erneuerbarer Strom,
- bezahlbares Erdgas für die Übergangsphase,
- große Mengen günstig produzierten Wasserstoffs,
- Zugang zu geeignetem Eisenerz,
- niedrige Investitions- und Baukosten,
- leistungsfähige Exporthäfen,
- wettbewerbsfähige Arbeits- und Regulierungskosten.
Deutschland verfügt bei kaum einem dieser Faktoren über einen strukturellen Vorteil.
Subventionen können einen Teil der Investitionskosten übernehmen. Sie können aber keine zusätzlichen Sonnenstunden erzeugen, keine Eisenerzvorkommen nach Duisburg verlagern und keine dauerhaft niedrigen Energiepreise garantieren.
Die Bundesregierung versucht deshalb nicht nur, einen vorübergehenden Nachteil zu überbrücken.
Sie versucht, einen strukturellen Standortnachteil mit Steuergeld zu überdecken.
Die PwC-Szenarien sind für Deutschland vernichtend
PwC hat unterschiedliche Produktionsverfahren, Standorte, Energiepreise, CO₂-Kosten und politische Rahmenbedingungen miteinander verglichen.
Das besonders brisante Ergebnis lautet:
In keinem der drei untersuchten Zukunftsszenarien bleibt Deutschland ein wettbewerbsfähiger Standort für eine umfangreiche Primärstahlproduktion.
Szenario 1: Importgetriebener Wandel
In diesem Szenario bleiben Energie und Wasserstoff in Europa teuer. Der europäische Grenzausgleich CBAM schützt den Markt nur begrenzt, weil emissionsarm produzierende Unternehmen außerhalb Europas kaum zusätzliche CO₂-Abgaben zahlen müssen.
Die Folge: Die Primärstahlproduktion verlagert sich weitgehend in die Golfstaaten und nach Indien.
Deutschland behält vor allem Kapazitäten für Sekundärstahl aus Schrott, verliert aber einen großen Teil der Primärstahlproduktion.
Szenario 2: Ausgewogener Übergang
Europa baut eigene klimafreundliche Produktionskapazitäten auf und ergänzt diese ab 2035 zunehmend durch Importe.
Aber auch hier entsteht die wettbewerbsfähige europäische Primärstahlproduktion vor allem in Skandinavien. Dort sind die Voraussetzungen für erneuerbare Energie und Wasserstoff günstiger als in Deutschland.
Deutschland konzentriert sich erneut überwiegend auf Sekundärstahl und nachgelagerte Wertschöpfung.
Szenario 3: Europäische Eigenversorgung
Dieses Szenario unterstellt starke politische Unterstützung, wettbewerbsfähige Industrieenergiepreise, wirksame Handelsinstrumente und eine leistungsfähige Wasserstoffinfrastruktur.
Es ist damit das für die europäische Industrie günstigste Szenario.
Doch selbst unter diesen optimistischen Voraussetzungen verlagert sich die europäische Primärstahlproduktion überwiegend nach Skandinavien.
Deutschland baut auch in diesem Szenario hauptsächlich seine Sekundärstahlkapazitäten aus.
Das ist der entscheidende Befund:
Selbst wenn die Bundesregierung nahezu alle gewünschten Rahmenbedingungen herstellt, bleibt Deutschland nach der PwC-Modellierung kein bevorzugter Standort für energieintensive Primärstahlproduktion.
Damit stellt sich die Frage, warum Milliarden ausgerechnet in diejenige Wertschöpfungsstufe fließen, bei der Deutschland in sämtlichen Szenarien einen strukturellen Kostennachteil besitzt.
Der Staat bezahlt die Anlage – aber nicht automatisch ihren wirtschaftlichen Betrieb
Bei industriellen Großprojekten muss zwischen Investitionskosten und laufenden Betriebskosten unterschieden werden.
Die milliardenschweren Förderzusagen reduzieren vor allem die Kosten für Planung, Bau und Anlagentechnik.
Die entscheidenden wirtschaftlichen Risiken entstehen jedoch nach der Fertigstellung.
Eine Direktreduktionsanlage benötigt dauerhaft große Mengen an:
- Strom,
- Erdgas,
- Wasserstoff,
- Eisenerz,
- Transport- und Logistikleistungen,
- Wartung,
- qualifiziertem Personal.
Der Staat kann den Bau einer Anlage zu einem erheblichen Teil finanzieren. Dadurch wird der Stahl, der später darin produziert wird, aber nicht automatisch wettbewerbsfähig.
Eine Anlage, deren Betriebskosten dauerhaft über den internationalen Marktpreisen liegen, bleibt auch dann unwirtschaftlich, wenn sie mit Milliarden an Steuergeld errichtet wurde.
Genau das zeigt der Fall ArcelorMittal.
Der Konzern hätte für die geplante Transformation seiner Werke in Bremen und Eisenhüttenstadt staatliche Unterstützung in Höhe von rund 1,3 Milliarden Euro erhalten können.
Trotz dieser Fördermöglichkeit wurden die Projekte aufgegeben.
ArcelorMittal begründete seine Entscheidung unter anderem mit hohen Strompreisen, fehlender Wirtschaftlichkeit von grünem Wasserstoff, schwacher Nachfrage, hohen Importen und unzureichenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Die Fördermittel wurden damit nicht ausgezahlt.
Für den Steuerzahler ist das zunächst eine gute Nachricht. Gleichzeitig ist es ein deutliches Warnsignal für die gesamte Strategie.
Wenn selbst eine Förderung von 1,3 Milliarden Euro nicht ausreicht, um einen weltweit tätigen Stahlkonzern von der Wirtschaftlichkeit eines Projekts zu überzeugen, liegt das Problem offensichtlich nicht allein in den Investitionskosten.
Dann fehlt das tragfähige Geschäftsmodell.
Erst wurden die Anlagen geplant – danach begann die Suche nach Wasserstoff
Besonders deutlich wird die Fehlplanung beim Wasserstoff.
Die neuen Anlagen sollen zunächst teilweise mit Erdgas betrieben und später schrittweise auf grünen Wasserstoff umgestellt werden.
Dieser Wasserstoff ist jedoch nicht nur knapp. Er ist auch erheblich teurer als von den Unternehmen und der Politik ursprünglich erhofft.
Für die erste Direktreduktionsanlage von Thyssenkrupp Steel wurde ein möglicher Wasserstoffbedarf von rund 143.000 Tonnen pro Jahr genannt. Die dafür erforderliche Energiemenge entspricht rechnerisch der Stromproduktion von mehreren Hundert Windenergieanlagen.
Trotzdem musste die geplante Ausschreibung für grünen Wasserstoff ausgesetzt werden. Der Markt entwickelte sich langsamer als erwartet, und die absehbaren Preise lagen deutlich über den ursprünglichen Annahmen.
Die Anlage soll deshalb zunächst mit Erdgas betrieben werden können.
Auch Salzgitter hat bislang nur einen kleinen Teil seines langfristigen Wasserstoffbedarfs vertraglich abgesichert.
Ein Liefervertrag mit EWE sieht ab 2030 jährlich rund 10.000 Tonnen grünen Wasserstoff vor. Diese Menge deckt nach den Berechnungen der PwC-Studie lediglich rund 6,5 Prozent des möglichen Wasserstoffbedarfs des SALCOS-Programms im Vollausbau.
Die Stahl-Holding-Saar vereinbarte ab 2029 die Lieferung von mindestens 6.000 Tonnen grünem Wasserstoff pro Jahr. Das entspricht ungefähr fünf Prozent des langfristig geplanten Bedarfs.
Diese Verträge sind wichtige erste Schritte.
Sie belegen aber zugleich, wie groß die Versorgungslücke weiterhin ist.
Milliardenanlagen wurden auf den Weg gebracht, obwohl weder die erforderlichen Mengen noch langfristig wettbewerbsfähige Preise für den wichtigsten künftigen Energieträger gesichert waren.
Eine Strategie, die mit Wasserstoff kalkuliert, den es zu den benötigten Preisen noch nicht gibt, ist keine belastbare Industrieplanung.
Sie ist eine Hoffnungskalkulation.
Ein Ankerkonsument schafft noch keinen funktionierenden Wasserstoffmarkt
Die politische Begründung lautet häufig, die Stahlindustrie müsse als Ankerkonsument den Hochlauf der deutschen Wasserstoffwirtschaft ermöglichen.
Der Gedanke ist grundsätzlich nachvollziehbar.
Ein großer und verlässlicher Abnehmer kann Investitionen in Elektrolyseure, Leitungen, Speicher, Importterminals und Produktionsanlagen auslösen.
Ein Ankerkonsument erfüllt diese Funktion jedoch nur, wenn er den entstehenden Marktpreis auch wirtschaftlich tragen kann.
Kann der Stahlhersteller den Wasserstoff nur bezahlen, wenn der Staat zusätzlich den Energiepreis subventioniert, entsteht kein selbsttragender Markt.
Dann finanziert der Staat zunächst die Stahlproduktionsanlage, anschließend den Wasserstoffhochlauf, möglicherweise die Leitungsinfrastruktur, zusätzlich einen Industriestrompreis und später womöglich noch die Differenz zwischen den deutschen Produktionskosten und dem internationalen Stahlpreis.
Aus einer einmaligen Investitionsförderung wird eine vollständige staatliche Subventionskette.
Der Staat bezahlt dann nicht nur die Transformation.
Er bezahlt dauerhaft dafür, dass an einem strukturell ungünstigen Standort produziert wird.
CBAM schützt vor CO₂-Kosten – nicht vor günstigeren Standorten
Ein weiterer zentraler Irrtum betrifft den europäischen CO₂-Grenzausgleich CBAM.
Durch CBAM sollen Importeure für die CO₂-Emissionen bestimmter außerhalb Europas hergestellter Produkte einen finanziellen Ausgleich leisten. Damit soll verhindert werden, dass europäische Unternehmen wegen der hohen europäischen Klimaschutzkosten gegenüber ausländischen Produzenten benachteiligt werden.
Das Instrument hat jedoch eine entscheidende Grenze:
CBAM gleicht unterschiedliche CO₂-Kosten aus. Es gleicht nicht sämtliche Standortkosten aus.
Produziert ein Unternehmen in Indien oder den Golfstaaten ebenfalls CO₂-arm, muss es nur geringe oder keine entsprechenden Grenzausgleichskosten tragen.
Seine übrigen Standortvorteile bleiben vollständig bestehen:
- günstigere Energie,
- niedrigere Baukosten,
- günstigeres Erdgas,
- bessere Bedingungen für Solarstrom,
- teilweise geringere Arbeitskosten,
- Nähe zu Rohstoffen,
- größere und schneller genehmigte Industrieprojekte.
Nach den Berechnungen von PwC könnte erdgasbasierte Direktreduktion in den Golfstaaten bereits 2030 rund 30 Prozent günstiger sein als die Hochofenroute in Mitteleuropa.
Wasserstoffbasierte Direktreduktion in Indien könnte rund 15 Prozent unter den europäischen Vergleichskosten liegen.
Der Kostenvorteil außereuropäischer Standorte ist damit teilweise so groß, dass sehr hohe Zölle notwendig wären, um ihn vollständig auszugleichen.
Solche Zölle würden jedoch neue Probleme schaffen.
Sie verteuern Stahl für europäische Verarbeiter, Maschinenbauer, Fahrzeughersteller und Bauunternehmen. Damit schützt die Politik möglicherweise die Stahlproduktion, schwächt aber gleichzeitig alle Branchen, die Stahl als Vorprodukt benötigen.
Noch problematischer ist die deutsche Exportabhängigkeit.
Ein Schutzzoll kann ausländischen Stahl im europäischen Binnenmarkt verteuern. Er hilft einem deutschen Maschinenbauer jedoch nicht, wenn dieser auf dem Weltmarkt gegen Unternehmen konkurrieren muss, die dauerhaft günstigeren Stahl beziehen.
CBAM kann klimaschädliche Importe verteuern.
Es kann aber weder deutschen Strom verbilligen noch die natürlichen Standortvorteile anderer Regionen beseitigen.
Die Bundesregierung baut eine vollständige Subventionsarchitektur auf
Die politische Reaktion auf die fehlende Wettbewerbsfähigkeit besteht bislang nicht in einer grundlegenden Neubewertung der Strategie.
Stattdessen wird versucht, an immer mehr Stellen die Kostenlücke staatlich zu schließen.
Zu den diskutierten oder bereits eingeführten Instrumenten gehören:
- direkte Investitionszuschüsse,
- Klimaschutzverträge,
- ein vergünstigter Industriestrompreis,
- Strompreiskompensation,
- Förderung des Wasserstoffhochlaufs,
- staatlich unterstützte Wasserstoffnetze,
- grüne Leitmärkte,
- Vorgaben für klimafreundlichen Stahl bei öffentlichen Aufträgen,
- CBAM,
- zusätzlicher Handelsschutz,
- mögliche Exportausgleiche.
Jedes einzelne Instrument kann isoliert betrachtet begründet werden.
In ihrer Gesamtheit ergeben sie jedoch ein alarmierendes Bild.
Ein Geschäftsmodell, das nur funktioniert, wenn der Staat
den Bau der Anlage bezahlt,
die Energie verbilligt,
den Wasserstoff fördert,
die Infrastruktur finanziert,
öffentliche Käufer zur Abnahme bewegt,
Importe verteuert
und Exporte zusätzlich absichert,
ist kein international wettbewerbsfähiges Geschäftsmodell.
Es ist eine staatlich gestützte Produktionsordnung.
Die Mehrkosten verschwinden dadurch nicht. Sie werden lediglich auf verschiedene Haushalte, Förderprogramme, Netzentgelte, Stromkunden und Steuerzahler verteilt.
Der Steuerzahler könnte am Ende doppelt bezahlen
Besonders problematisch sind staatlich geschaffene Leitmärkte.
Öffentliche Auftraggeber sollen bei Brücken, Bahnstrecken, Gebäuden, Straßen, Energienetzen oder Verteidigungsprojekten bevorzugt klimafreundlichen Stahl verwenden.
Grundsätzlich kann eine öffentliche Nachfrage den Markthochlauf unterstützen.
Doch wenn der Staat zuerst die Fabrik subventioniert und anschließend öffentliche Auftraggeber verpflichtet, den teureren Stahl zu kaufen, bezahlt der Steuerzahler doppelt.
Er bezahlt zunächst die Anlage.
Danach bezahlt er über höhere Bau- und Beschaffungskosten erneut für das Produkt.
Diese Kosten erscheinen dann nicht mehr als Stahlförderung. Sie tauchen in den Haushalten für Verkehr, Verteidigung, Wohnungsbau oder Infrastruktur auf.
Politisch lässt sich die Belastung damit besser verstecken.
Volkswirtschaftlich bleibt sie trotzdem bestehen.
Die zusätzlichen 322 Millionen Euro für Salzgitter sind ein Warnsignal
Im Februar 2026 wurde die Förderung für die erste SALCOS-Ausbaustufe der Salzgitter AG um weitere rund 322 Millionen Euro erhöht.
Damit stieg die Unterstützung auf insgesamt rund 1,322 Milliarden Euro.
Die Begründung für die Nachfinanzierung ist besonders aufschlussreich.
Bereits bei der ursprünglichen Förderentscheidung war offenbar erkennbar, dass die berechnete Finanzierungslücke größer war als die damals gewährte Beihilfe. Es wurde davon ausgegangen, dass weitere Förderinstrumente miteinander kombiniert werden könnten.
Diese Kombination erwies sich später als nicht umsetzbar.
Die entstandene Lücke wurde anschließend mit zusätzlichen öffentlichen Mitteln geschlossen.
Politisch wird dies als Planungssicherheit bezeichnet.
Betriebswirtschaftlich handelt es sich um die nachträgliche Finanzierung eines Problems, das bereits bei der ursprünglichen Entscheidung bekannt oder zumindest absehbar war.
Statt das Projekt unter den veränderten Bedingungen grundsätzlich neu zu bewerten, wurde weiteres Steuergeld bereitgestellt.
Damit beginnt der klassische Mechanismus einer Subventionsspirale.
Je mehr Geld bereits investiert wurde, desto größer wird der politische Druck, weiteres Geld nachzuschießen.
Niemand möchte erklären, dass eine begonnene Milliardeninvestition möglicherweise falsch dimensioniert oder unter unrealistischen Annahmen beschlossen wurde.
So entstehen öffentliche Investitionsruinen selten durch eine einzige offensichtlich absurde Entscheidung.
Sie entstehen durch eine Folge vermeintlich alternativloser Nachfinanzierungen.
Die Unternehmen handeln rational – die politische Verantwortung bleibt beim Staat
Es wäre falsch, die beteiligten Stahlunternehmen pauschal für diese Entwicklung verantwortlich zu machen.
Die Konzerne stehen unter erheblichem Transformationsdruck.
Die bisherige Hochofenroute wird durch steigende CO₂-Kosten immer teurer. Gleichzeitig müssen Unternehmen langfristige Investitionsentscheidungen treffen, ihre Lieferfähigkeit sichern und auf politische Vorgaben reagieren.
Wenn der Staat einen erheblichen Teil des Investitionsrisikos übernimmt, ist es aus Unternehmenssicht rational, entsprechende Projekte zu verfolgen.
Kein Vorstand kann ignorieren, dass der Staat Milliarden anbietet, während die bisherige Produktion regulatorisch immer stärker belastet wird.
Doch aus der unternehmerischen Rationalität folgt nicht automatisch eine volkswirtschaftliche Sinnhaftigkeit.
Die Bundesregierung muss prüfen, ob ein Projekt auch dann tragfähig ist, wenn die Anschubförderung endet.
Eine europäische Beihilfegenehmigung beantwortet diese Frage nicht.
Sie zeigt lediglich, dass eine Förderung unter bestimmten Voraussetzungen rechtlich zulässig sein kann.
Förderfähigkeit ist nicht Marktfähigkeit.
Beihilferechtliche Zulässigkeit ist kein Nachweis dafür, dass eine Anlage in zehn oder zwanzig Jahren ohne weitere staatliche Unterstützung wettbewerbsfähig produzieren wird.
Bedeutet die Studie, dass jede Direktreduktionsanlage wertlos ist?
Nein.
Die PwC-Untersuchung ist eine Szenario- und Kostenanalyse. Sie ist keine vollständige Einzelprüfung jedes konkreten Projekts von Thyssenkrupp, Salzgitter oder der Stahl-Holding-Saar.
Auch die neuen Direktreduktionsanlagen sind nicht automatisch nutzlos.
Sie können zunächst mit Erdgas betrieben werden, später auf Wasserstoff umgestellt und teilweise mit importiertem Eisenschwamm oder HBI versorgt werden. Dadurch lassen sich erhebliche CO₂-Einsparungen erzielen.
Zudem kann Europa seinen Stahlbedarf nicht vollständig aus Schrott decken.
Die Menge und Qualität des verfügbaren Stahlschrotts sind begrenzt. Bestimmte hochwertige Stahlsorten benötigen besonders reine Ausgangsmaterialien. Begleitelemente können sich beim wiederholten Recycling anreichern und die erreichbaren Materialeigenschaften beeinträchtigen.
Eine begrenzte Primärstahlproduktion kann deshalb weiterhin notwendig sein.
Daraus folgt jedoch nicht, dass Deutschland seine heutige Primärstahlmenge um jeden Preis im Inland halten sollte.
Die Studie beweist nicht, dass jede geförderte Anlage zwangsläufig scheitert.
Sie zeigt aber, dass die Bundesregierung Milliarden investiert hat, ohne den strukturellen Standortnachteil überzeugend zu widerlegen.
Das allein rechtfertigt eine fundamentale Neubewertung.
Versorgungssicherheit darf nicht als Universalbegründung missbraucht werden
Die Stahlunternehmen verweisen zu Recht auf Versorgungssicherheit, Resilienz und technologische Souveränität.
Europa sollte sich nicht vollständig von einem einzigen Lieferland oder einer einzigen Weltregion abhängig machen.
Lieferketten können unterbrochen werden. Geopolitische Konflikte, blockierte Seewege, Exportverbote oder politische Spannungen können die Versorgung gefährden.
Für Verteidigung, Energieinfrastruktur, Fahrzeugbau, Maschinenbau, Druckbehälter und andere sensible Bereiche kann eine eigene europäische Grundkapazität strategisch sinnvoll sein.
Doch auch dieses Argument muss ehrlich betrachtet werden.
Deutschland importiert bereits heute nahezu sein gesamtes Eisenerz. Auch Kokskohle stammt überwiegend aus dem Ausland.
Die bisherige Primärstahlproduktion ist deshalb keineswegs vollständig autark.
Die Abhängigkeit beginnt heute beim Rohstoff. Bei einer internationalen Direktreduktionsstrategie würde sie sich teilweise vom Eisenerz zum Eisenschwamm oder HBI verschieben.
Entscheidend ist daher nicht die Illusion vollständiger Unabhängigkeit.
Entscheidend sind:
- diversifizierte Lieferländer,
- Beteiligungen an ausländischen Produktionsanlagen,
- langfristige Lieferverträge,
- mehrere Transportkorridore,
- strategische Lager,
- eigene europäische Mindestkapazitäten,
- leistungsfähige Recyclingstrukturen.
Eine bewusst finanzierte strategische Mindestkapazität kann sinnvoll sein.
Dann muss die Politik diese Kapazität aber auch ehrlich als Sicherheitsleistung behandeln.
Sie muss offenlegen, wie viele Millionen Tonnen Primärstahl aus strategischen Gründen tatsächlich in Deutschland oder Europa produziert werden sollen und welche jährlichen Mehrkosten dadurch entstehen.
Nicht ehrlich ist es, eine aus Sicherheitsgründen subventionierte Produktion als vollständig wettbewerbsfähige Massenproduktion zu verkaufen.
Sekundärstahl ist die wirtschaftlichste europäische Option
Eine der klarsten Erkenntnisse der PwC-Studie betrifft die schrottbasierte Stahlproduktion im Elektrolichtbogenofen.
Diese sogenannte Scrap-EAF-Route gehört in allen untersuchten Szenarien zu den kostengünstigsten Möglichkeiten der europäischen Stahlproduktion.
Ihr entscheidender Vorteil besteht darin, dass der Rohstoff in Europa selbst anfällt.
Stahlschrott muss nicht wie Eisenerz oder Kokskohle vollständig importiert werden. Damit kann Sekundärstahl einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten.
Allerdings benötigt auch ein Elektrolichtbogenofen große Mengen Strom.
Bleiben die europäischen Industriestrompreise dauerhaft deutlich über denen konkurrierender Standorte, wird ein Teil des Kostenvorteils wieder aufgezehrt.
Zudem kann Sekundärstahl die Primärstahlproduktion mengenmäßig und qualitativ nicht vollständig ersetzen.
Trotzdem ist die strategische Richtung eindeutig:
Deutschland sollte mehr Mittel in hochwertige Schrottaufbereitung, Sortierung, Entkupferung, Recyclingtechnologie, Elektrolichtbogenöfen und bezahlbare Stromversorgung investieren.
Das wäre wirtschaftlich plausibler, als mit Milliarden eine vollständige wasserstoffbasierte Primärstahlproduktion an einem strukturell ungünstigen Standort erzwingen zu wollen.
Die Bundesregierung fördert die falsche Wertschöpfungsstufe
PwC zieht aus der Kostenanalyse eine weitreichende Schlussfolgerung:
Die energieintensive Reduktion des Eisenerzes wird langfristig verstärkt dort stattfinden, wo Energie und Rohstoffe günstig verfügbar sind.
Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass die gesamte Stahlindustrie aus Deutschland verschwindet.
Es bedeutet aber, dass Deutschland seine industrielle Rolle neu definieren muss.
Der wirtschaftlich sinnvollere Weg könnte darin bestehen, Eisenschwamm oder HBI an günstigen Standorten zu produzieren und anschließend nach Europa zu transportieren.
Deutsche Stahlkonzerne könnten sich an solchen Projekten beteiligen, Technologie liefern, Anlagen betreiben, langfristige Abnahmeverträge abschließen und ihre Rohstoffversorgung diversifizieren.
Ein Beispiel dafür sind neue Großprojekte im Oman.
Dort entstehen Anlagen, die Erdgas, perspektivisch Wasserstoff, Hafeninfrastruktur und internationale Rohstoffströme miteinander verbinden. Ein Teil des dort produzierten Vormaterials ist ausdrücklich für europäische Abnehmer vorgesehen.
Die energieintensive Reduktion findet am günstigeren Standort statt.
Die weitere Verarbeitung kann dort erfolgen, wo Know-how, Kundenbeziehungen, Zertifizierung und industrielle Spezialisierung den größten Wert schaffen.
Die Bundesregierung hat jedoch Milliarden vor allem in den Versuch investiert, die energieintensivste Wertschöpfungsstufe in Deutschland zu halten.
Genau diese Stufe besitzt nach der PwC-Analyse den geringsten langfristigen Standortvorteil.
Nach der Primärstahlproduktion könnten weitere Verarbeitungsschritte abwandern
Die Gefahr endet nicht beim Hochofen oder bei der Direktreduktionsanlage.
Wenn der Stahl oder Eisenschwamm künftig verstärkt außerhalb Deutschlands produziert wird, können auch einfache Verarbeitungsschritte an die Produktionsstandorte wandern.
Dazu gehören beispielsweise:
- Walzen,
- Stanzen,
- Biegen,
- Schneiden,
- erste Formgebung,
- standardisierte Stahlkonstruktionen,
- einfache Behälter,
- industrielle Massenprodukte.
Diese Tätigkeiten können grundsätzlich dort ausgeführt werden, wo das Material entsteht.
Dadurch lassen sich Transportkosten reduzieren und Produktionsketten bündeln.
Für Deutschland bleiben langfristig vor allem diejenigen Produkte und Fertigungsschritte attraktiv, bei denen der Wissensanteil den Materialwert übersteigt.
Dazu gehören:
- Spezialstähle,
- hochpräzise Komponenten,
- kundenspezifischer Anlagenbau,
- Druckbehälter,
- Automatisierung und Robotik,
- Sensorik,
- Steuerungs- und Regelungstechnik,
- Medizintechnik,
- Luft- und Raumfahrt,
- Verteidigungstechnik,
- zertifizierte und rückverfolgbare Bauteile.
Die industrielle Zukunft Deutschlands liegt damit nicht zwingend in maximaler Tonnage.
Sie liegt in Konstruktion, Materialwissen, Präzision, Software, Zertifizierung, Kundenintegration und komplexen Systemlösungen.
Die Politik hätte ihre Milliarden deshalb stärker auf die nachgelagerten, wissensintensiven Wertschöpfungsstufen ausrichten müssen.
Was eine vernünftige Stahlstrategie jetzt leisten müsste
1. Alle Großprojekte einem unabhängigen Stresstest unterziehen
Vor weiteren Auszahlungen und Erweiterungsstufen müssen sämtliche Projekte neu gerechnet werden.
Dabei dürfen keine politisch gewünschten Wasserstoff- oder Strompreise verwendet werden.
Entscheidend sind realistische Annahmen für:
- Strompreise,
- Erdgaspreise,
- Wasserstoffkosten,
- Wasserstoffverfügbarkeit,
- Eisenerzpreise,
- CO₂-Kosten,
- Transportkosten,
- internationale Stahlpreise,
- Absatzmengen,
- mögliche Importkonkurrenz.
Die Ergebnisse müssen veröffentlicht werden.
Der Steuerzahler hat ein Recht darauf zu erfahren, wie viel staatliche Unterstützung pro produzierter Tonne Stahl voraussichtlich erforderlich sein wird.
2. Keine weiteren Nachschüsse ohne tragfähiges Betriebskonzept
Weitere Fördermittel dürfen nicht allein damit begründet werden, dass bereits große Summen investiert wurden.
Voraussetzung für zusätzliche Hilfen müssen sein:
- langfristige Energie- und Wasserstoffverträge,
- verbindliche Abnahmevereinbarungen,
- ausreichende private Risikobeteiligung,
- realistische Produktionskosten,
- ein nachvollziehbarer Weg aus der dauerhaften Subventionierung.
Fehlen diese Voraussetzungen, müssen Projekte verkleinert, neu ausgerichtet oder gestoppt werden.
3. Primärstahl auf den strategisch notwendigen Kern begrenzen
Deutschland muss nicht jede heute produzierte Tonne Primärstahl um jeden Preis im Inland halten.
Die Politik sollte definieren, welche Kapazitäten für Versorgungssicherheit, Verteidigung, kritische Infrastruktur und hochwertige Stahlqualitäten unverzichtbar sind.
Für diesen begrenzten Kern kann eine transparente Kapazitäts- oder Sicherheitsvergütung ehrlicher sein als eine Vielzahl verdeckter Subventionen.
4. Sekundärstahl und hochwertiges Recycling priorisieren
Investitionen sollten verstärkt in diejenigen Bereiche fließen, in denen Deutschland einen realistischen Standortvorteil besitzt:
- Schrottsammlung,
- Sortierung,
- hochwertige Aufbereitung,
- Entkupferung,
- Qualitätskontrolle,
- Recyclingforschung,
- Elektrolichtbogenöfen,
- Stromnetze,
- flexible Strombeschaffung.
Ziel muss sein, aus Schrott zunehmend anspruchsvollere Stahlqualitäten herstellen zu können.
5. Eisenschwamm durch internationale Beteiligungen sichern
Deutschland sollte nicht versuchen, die gesamte energieintensive Eisenerzreduktion im Inland zu erzwingen.
Deutsche Unternehmen könnten gemeinsam mit internationalen Partnern Produktionskapazitäten an geeigneteren Standorten aufbauen.
Denkbar sind Beteiligungen und langfristige Lieferbeziehungen in:
- Skandinavien,
- Kanada,
- Brasilien,
- Indien,
- Oman,
- weiteren Golfstaaten,
- anderen energie- und rohstoffreichen Regionen.
Entscheidend ist, keine neue einseitige Abhängigkeit zu schaffen.
Mehrere Standorte, Lieferanten, Häfen und Transportwege müssen miteinander kombiniert werden.
6. Wissensintensive Verarbeitung in Deutschland stärken
Die verbleibende Wertschöpfung muss sich deutlich vom reinen Materialwert abheben.
Gefördert werden sollten vor allem:
- Werkstoffforschung,
- Präzisionsfertigung,
- Robotik,
- Automatisierung,
- Sensorik,
- Softwareintegration,
- Zertifizierungsfähigkeit,
- kundenspezifischer Anlagenbau,
- Spezialstahlverarbeitung,
- sicherheitsrelevante Komponenten.
Deutschland muss dort investieren, wo Fachwissen, Kundenbeziehungen und industrielle Erfahrung einen Standortwechsel erschweren.
7. Infrastruktur statt einzelner Unternehmensrisiken fördern
Öffentliche Mittel sollten stärker in Infrastruktur fließen, die vielen Unternehmen zugutekommt:
- leistungsfähige Stromnetze,
- Hafenanlagen,
- Bahnverbindungen,
- Wasserstoffleitungen,
- Prüflabore,
- Forschungszentren,
- Industrieflächen,
- beschleunigte Genehmigungsverfahren,
- gemeinsame Ausbildungs- und Transferzentren.
Eine solche Infrastruktur verbessert die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Regionen.
Sie ist nachhaltiger als die Finanzierung einzelner Anlagen, deren Geschäftsmodell möglicherweise nur unter dauerhaftem staatlichem Schutz funktioniert.
8. Steuerliche Anreize statt hoher Vorabzuschüsse
PwC empfiehlt, steuerliche Instrumente gegenüber direkten Investitionszuschüssen stärker zu gewichten.
Beschleunigte Abschreibungen oder befristete steuerliche Entlastungen wirken erst dann, wenn ein Unternehmen tatsächlich investiert, produziert und Wertschöpfung erzielt.
Das reduziert das Risiko, dass der Staat Anlagen finanziert, die später nicht ausgelastet oder dauerhaft unwirtschaftlich betrieben werden.
Vorabzuschüsse verlagern dagegen einen erheblichen Teil des Risikos sofort auf den Steuerzahler.
Die größte Gefahr beginnt möglicherweise erst nach der Fertigstellung
Die größte Gefahr für den Steuerzahler besteht nicht unbedingt darin, dass die Direktreduktionsanlagen nie fertiggestellt werden.
Noch teurer könnte ein anderes Szenario werden.
Die Anlagen werden fertiggestellt, können wegen hoher Energie- und Wasserstoffkosten aber nicht wirtschaftlich betrieben werden.
Eine Stilllegung wäre politisch kaum durchsetzbar.
Zu viele Arbeitsplätze, Regionen, Gewerkschaften, Unternehmen und politische Versprechen wären betroffen.
Dann folgen neue Hilfen:
- für Strom,
- für Wasserstoff,
- für Netzentgelte,
- für CO₂-Kosten,
- für Beschäftigung,
- für Absatzmärkte,
- für Exportfähigkeit.
Die ursprüngliche Investitionsförderung wäre dann lediglich der Eintrittspreis in eine jahrzehntelange Subventionsspirale.
Der Staat würde nicht mehr nur die Transformation finanzieren.
Er würde dauerhaft die Differenz zwischen deutschen Produktionskosten und internationalen Marktpreisen übernehmen.
Damit würde aus Industriepolitik schleichend eine staatliche Verlustübernahme.
Die Bundesregierung muss die Realität anerkennen, bevor weitere Milliarden verloren gehen
Grüner Stahl ist wichtig.
Aber nicht jede Form grüner Stahlproduktion ist an jedem Standort wirtschaftlich sinnvoll.
Die Bundesregierung hat Milliarden zugesagt, bevor günstige Energie, ausreichender Wasserstoff, belastbare Absatzmärkte und ein tragfähiges Betriebskonzept vorhanden waren.
Sie hat technische Machbarkeit mit wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit verwechselt.
Nun zeigt sich, dass CO₂-armer Stahl außerhalb Europas deutlich günstiger produziert werden kann.
CBAM schützt nicht vor günstiger Solarenergie, niedrigen Baukosten, preiswerterem Erdgas, besseren Rohstoffzugängen und schnelleren Genehmigungen.
Ein Industriestrompreis, Wasserstoffförderung, staatliche Beschaffungsvorgaben und Schutzzölle können die Mehrkosten verteilen.
Sie können sie aber nicht beseitigen.
Noch ist nicht jede bewilligte Milliarde verloren.
Doch ohne eine sofortige Neubewertung droht ein erheblicher Teil der Förderung tatsächlich zu verschwendetem Steuergeld zu werden.
Die richtige Konsequenz besteht nicht darin, die deutsche Stahlindustrie vollständig aufzugeben.
Deutschland braucht eine klare Dreiteilung:
eine wirtschaftlich tragfähige Sekundärstahlproduktion,
eine bewusst finanzierte strategische Mindestkapazität für Primärstahl
und eine hoch spezialisierte, wissensintensive Stahlverarbeitung.
Alles andere ist der Versuch, industrielle Geografie mit Haushaltsmitteln außer Kraft zu setzen.
Das kann eine Zeit lang funktionieren.
Wettbewerbsfähigkeit entsteht dadurch nicht.
Quellen und weiterführende Informationen – Grüner Stahl: Milliarden-Subventionen vor dem Scheitern
PwC Deutschland: „Das Ende der europäischen Stahlwirtschaft … oder einfach nur anders?“, Juli 2026
Handelsblatt: „Stahlindustrie könnte Milliarden umsonst investiert haben“
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Thyssenkrupp Steel: Förderung von rund zwei Milliarden Euro für die Transformation des Standorts Duisburg
https://www.thyssenkrupp-steel.com/de/newsroom/pressemitteilungen/thyssenkrupp-steel-erhaelt-foerderung-in-einer-gesamthoehe-von-rund-zwei-milliarden-euro-durch-bund-und-land.html
ArcelorMittal: Wirtschaftliche Rahmenbedingungen für die europäische Stahltransformation
https://corporate.arcelormittal.com/media/news/non-regulatory-news/arcelormittal-europe-urges-faster-implementation-of-steel-and-metals-action-plan
Salzgitter AG: Vertrag mit EWE über die Lieferung von grünem Wasserstoff
https://www.salzgitter-ag.com/de/newsroom/pressemeldungen/details/salzgitter-ag-und-ewe-schliessen-vertrag-ueber-die-lieferung-von-gruenem-wasserstoff-26447.html
Stahl-Holding-Saar: Wasserstoffvertrag mit Verso Energy
https://www.stahl-holding-saar.de/shs/de/presse/pressemitteilungen/die-transformation-schreitet-voran-shs-gruppe-und-verso-energy-unterschreiben-wegweisenden-wasserstoff-vertrag-117887.shtml
Niedersächsisches Umweltministerium: Erhöhung der Förderung für die erste SALCOS-Ausbaustufe auf 1,322 Milliarden Euro
https://www.umwelt.niedersachsen.de/startseite/aktuelles/pressemitteilungen/bund-und-land-erhohen-forderung-fur-salcos-ausbaustufe-1-auf-1-322-milliarden-euro-248893.html
Bundesregierung: Stahldialog und Rahmenbedingungen für die deutsche Stahlindustrie
https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/stahldialog-im-bundeskanzleramt-wettbewerbsfaehige-rahmenbedingungen-fuer-eine-zukunftsfaehige-stahlindustrie-2392574


