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Wirtschaftsstraftaten

19. Juli 2026 / Unternehmer Retter

Wirtschaftsstraftaten: Definition, Arten, Beispiele, Strafen und Verfahren

Wirtschaftsstraftaten sind Straftaten mit einem besonderen Bezug zum Wirtschaftsleben. Sie werden typischerweise im Rahmen unternehmerischer, beruflicher oder finanzieller Tätigkeiten begangen oder richten sich gegen Unternehmen, Gläubiger, Anleger, den Wettbewerb, staatliche Einnahmen oder die Funktionsfähigkeit von Märkten.

Eine einzelne gesetzliche Definition der Wirtschaftsstraftat gibt es im deutschen Strafrecht nicht. Der Begriff bezeichnet vielmehr eine große Gruppe unterschiedlicher Straftatbestände. Eine zentrale Orientierung bietet § 74c des Gerichtsverfassungsgesetzes. Die Vorschrift regelt insbesondere, für welche Verfahren eine Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts zuständig sein kann. Sie ist jedoch kein abschließender Katalog sämtlicher Wirtschaftsstraftaten.

Rechtsstand: 18. Juli 2026

Praxisdefinition: Wirtschaftsstraftaten sind gesetzlich mit Strafe bedrohte Handlungen oder Unterlassungen, die im Rahmen tatsächlicher oder vorgetäuschter wirtschaftlicher Betätigung begangen werden, wirtschaftliche Vertrauens-, Vermögens- oder Ordnungsstrukturen ausnutzen oder gefährden und bei deren Aufklärung häufig besondere Kenntnisse wirtschaftlicher Zusammenhänge erforderlich sind.

Das Wichtigste auf einen Blick

Frage Antwort
Was ist eine Wirtschaftsstraftat? Eine Straftat mit besonderem Bezug zu Unternehmen, Finanzen, Märkten, Steuern, Insolvenz, Wettbewerb oder wirtschaftlichem Vertrauen.
Gibt es einen eigenen Straftatbestand „Wirtschaftsstraftat“? Nein. Der Begriff umfasst zahlreiche Straftatbestände aus dem Strafgesetzbuch und aus strafrechtlichen Nebengesetzen.
Welche Vorschrift ist besonders wichtig? § 74c GVG enthält einen zentralen Zuständigkeitskatalog für Wirtschaftsstrafkammern.
Wer ermittelt? In der Regel Staatsanwaltschaft und Polizei. Bei Steuerstraftaten können auch Finanz- und Zollbehörden eigenständig ermitteln.
Welches Gericht entscheidet? Je nach Straferwartung und Verfahrensgegenstand das Amtsgericht oder Landgericht. Nicht jedes Wirtschaftsverfahren kommt vor eine Wirtschaftsstrafkammer.
Können Unternehmen bestraft werden? Strafrechtlich verantwortlich sind grundsätzlich natürliche Personen. Gegen Unternehmen sind aber insbesondere Verbandsgeldbußen und Einziehungsmaßnahmen möglich.
Ist jede Fehlentscheidung strafbar? Nein. Unternehmerischer Misserfolg, eine Vertragsverletzung oder eine Insolvenz reichen für sich allein nicht aus.

1. Was sind Wirtschaftsstraftaten?

Wirtschaftsstraftaten sind kein einheitlicher Deliktstyp. Sie umfassen vielmehr sehr unterschiedliche Straftaten, die durch ihren Bezug zum Wirtschaftsleben miteinander verbunden sind.

Typische gemeinsame Merkmale sind:

  • Die Tat wird innerhalb eines Unternehmens, einer Organisation oder eines beruflichen Vertrauensverhältnisses begangen.
  • Wirtschaftliche Strukturen, Verträge, Gesellschaften, Buchhaltungssysteme oder digitale Zahlungsvorgänge werden zur Tatbegehung eingesetzt.
  • Geschädigt werden Unternehmen, Geschäftspartner, Verbraucher, Anleger, Arbeitnehmer, Gläubiger oder der Staat.
  • Die Tat ist häufig dokumenten-, daten- oder transaktionsbezogen.
  • Für die Aufklärung müssen komplexe wirtschaftliche, steuerliche, bilanzielle oder gesellschaftsrechtliche Zusammenhänge nachvollzogen werden.

Der wirtschaftliche Schaden allein macht eine Tat jedoch noch nicht zur Wirtschaftsstraftat. Ebenso wenig ist jede Straftat eines Unternehmers automatisch Wirtschaftskriminalität. Entscheidend sind der konkrete Straftatbestand, der wirtschaftliche Zusammenhang und gegebenenfalls die besondere Komplexität des Falles.

Wirtschaftsstraftaten Infografik

Wirtschaftsstraftaten Infografik

Begriffliche Abgrenzung

Begriff Bedeutung
Wirtschaftsstraftat Eine konkrete Straftat mit besonderem Bezug zum Wirtschaftsleben.
Wirtschaftsdelikt Weitgehend gleichbedeutende Bezeichnung für eine Wirtschaftsstraftat.
Wirtschaftskriminalität Oberbegriff für das gesellschaftliche und kriminologische Phänomen wirtschaftsbezogener Kriminalität.
Wirtschaftsstrafrecht Gesamtheit der materiellen und verfahrensrechtlichen Vorschriften, die Wirtschaftsstraftaten betreffen.
Wirtschaftsstrafkammer Spezialisierte Strafkammer bei einem Landgericht für bestimmte Wirtschaftsstrafsachen.
Unternehmenskriminalität Straftaten, die aus einem Unternehmen heraus, zugunsten eines Unternehmens oder innerhalb seiner Organisation begangen werden.
Kriminalität gegen Unternehmen Straftaten, bei denen Unternehmen selbst Geschädigte sind, etwa Betrug, Untreue, Cyberangriffe oder der Verrat von Geschäftsgeheimnissen.

2. Ist „Wirtschaftsstraftat“ ein gesetzlich definierter Begriff?

Nein. Im deutschen Strafrecht existiert weder ein eigener Straftatbestand mit der Bezeichnung „Wirtschaftsstraftat“ noch eine allgemeingültige Legaldefinition.

Das ist wichtig, weil eine Person nicht wegen „Wirtschaftskriminalität“ als solcher verurteilt werden kann. Eine Strafbarkeit muss immer auf einem konkreten Gesetz beruhen. Nach § 1 StGB kann eine Tat nur bestraft werden, wenn ihre Strafbarkeit bereits vor ihrer Begehung gesetzlich bestimmt war. Zudem ist grundsätzlich vorsätzliches Handeln erforderlich, sofern das Gesetz nicht ausdrücklich auch fahrlässiges Verhalten unter Strafe stellt.

Eine Anklage muss deshalb beispielsweise auf Betrug, Untreue, Steuerhinterziehung, Bankrott oder Insolvenzverschleppung gestützt werden. Die bloße Feststellung, ein Verhalten sei wirtschaftlich schädlich oder kaufmännisch unvernünftig gewesen, genügt nicht.

3. Welche Bedeutung hat § 74c GVG?

§ 74c GVG wird häufig als „Katalog der Wirtschaftsstraftaten“ bezeichnet. Das ist als Orientierung hilfreich, rechtlich aber verkürzt.

Die Vorschrift regelt in erster Linie die Zuständigkeit der Wirtschaftsstrafkammern bei den Landgerichten. Sie nennt Rechtsgebiete und Straftatbestände, bei denen eine solche spezialisierte Kammer zuständig sein kann.

Der Katalog umfasst unter anderem Verfahren aus folgenden Bereichen:

  • gewerblicher Rechtsschutz und Geschäftsgeheimnisse,
  • Wettbewerbsrecht,
  • Insolvenz- und Restrukturierungsrecht,
  • Gesellschafts- und Bilanzrecht,
  • Bank-, Börsen-, Kredit- und Zahlungsdiensterecht,
  • Kapitalmarkt- und Finanzmarktrecht,
  • Außenwirtschafts- und Sanktionsrecht,
  • Steuer- und Zollrecht,
  • Subventions-, Kapitalanlage- und Kreditbetrug,
  • Bankrott- und Insolvenzdelikte,
  • Korruption im geschäftlichen Verkehr,
  • wettbewerbsbeschränkende Absprachen bei Ausschreibungen,
  • Geldwäsche,
  • Betrug, Computerbetrug und Untreue, wenn für die Beurteilung besondere Kenntnisse des Wirtschaftslebens erforderlich sind.

Der Katalog zeigt, wie weit das Wirtschaftsstrafrecht reicht: Es besteht nicht nur aus Vorschriften des Strafgesetzbuchs, sondern zu erheblichen Teilen aus strafrechtlichen Bestimmungen anderer Gesetze.

§ 74c GVG ist keine abschließende Definition

Aus der Vorschrift darf nicht gefolgert werden, dass ausschließlich die dort ausdrücklich genannten Taten Wirtschaftsstraftaten sein können. Ebenso wenig wird jedes Verfahren wegen einer dort aufgeführten Tat automatisch vor einer Wirtschaftsstrafkammer verhandelt.

Dafür müssen zusätzlich die sachliche Zuständigkeit des Landgerichts und die weiteren Voraussetzungen des § 74c GVG vorliegen.

4. Welche Arten von Wirtschaftsstraftaten gibt es?

Wirtschaftsstraftaten lassen sich nach dem geschützten Rechtsgut und dem wirtschaftlichen Tätigkeitsbereich ordnen.

Vermögens- und Betrugsdelikte

Hierzu gehören insbesondere:

  • Betrug,
  • Computerbetrug,
  • Subventionsbetrug,
  • Kapitalanlagebetrug,
  • Kreditbetrug,
  • Abrechnungsbetrug,
  • Versicherungsbetrug,
  • Untreue.

Im Mittelpunkt stehen Täuschungen, Manipulationen oder Pflichtverletzungen, durch die fremdes Vermögen geschädigt wird.

Insolvenzstraftaten

In Unternehmenskrisen gewinnen insbesondere folgende Vorwürfe Bedeutung:

  • Insolvenzverschleppung,
  • Bankrott,
  • Verletzung der Buchführungspflicht,
  • Gläubigerbegünstigung,
  • Schuldnerbegünstigung,
  • Vorenthalten von Sozialversicherungsbeiträgen,
  • Betrug oder Untreue im Vorfeld einer Insolvenz.

Eine Unternehmensinsolvenz ist als solche keine Straftat. Strafbar können jedoch bestimmte Verhaltensweisen vor, während oder nach Eintritt der Insolvenzreife sein.

Steuer-, Zoll- und Abgabenstraftaten

Dazu zählen unter anderem:

  • Steuerhinterziehung,
  • gewerbsmäßiger oder organisierter Schmuggel,
  • Bannbruch,
  • Hinterziehung von Einfuhr- oder Verbrauchsteuern,
  • strafbare Verstöße gegen außenwirtschafts- oder sanktionsrechtliche Vorgaben.

Korruptions- und Wettbewerbsdelikte

Typische Beispiele sind:

  • Bestechung und Bestechlichkeit im geschäftlichen Verkehr,
  • Bestechung ausländischer oder inländischer Amtsträger,
  • wettbewerbsbeschränkende Absprachen bei Ausschreibungen,
  • unzulässige Vorteilsgewährung,
  • Manipulation von Vergabe- oder Beschaffungsentscheidungen.

Kapitalmarkt- und Finanzmarktdelikte

Hierzu können gehören:

  • Marktmanipulation,
  • Insiderhandel,
  • unrichtige Kapitalmarktinformationen,
  • unerlaubte Bank-, Finanzdienstleistungs- oder Kryptowertegeschäfte,
  • Kapitalanlagebetrug,
  • falsche Angaben gegenüber Anlegern oder Aufsichtsbehörden.

Unternehmens- und Bilanzdelikte

In Betracht kommen beispielsweise:

  • unrichtige Darstellung der Vermögenslage einer Gesellschaft,
  • falsche Angaben bei Kapitalmaßnahmen,
  • Verstöße gegen gesellschaftsrechtliche Berichtspflichten,
  • Untreue durch Organmitglieder,
  • unzulässige Entnahmen oder Vermögensverschiebungen.

Geldwäsche und Vermögensverschleierung

Geldwäsche betrifft den Umgang mit Vermögensgegenständen, die aus einer rechtswidrigen Tat stammen. In Wirtschaftsverfahren geht es häufig um Zahlungsströme über mehrere Personen, Konten, Gesellschaften oder Staaten.

Schutz von Daten und Geschäftsgeheimnissen

Hierzu gehören insbesondere:

  • unbefugte Erlangung oder Verwendung von Geschäftsgeheimnissen,
  • Betriebsspionage,
  • Verrat vertraulicher Unternehmensinformationen,
  • wirtschaftlich motivierte Computer- und Datendelikte.

5. Typische Wirtschaftsstraftaten mit Strafrahmen

Die folgende Übersicht nennt den gesetzlichen Grundstrafrahmen. Qualifikationen, besonders schwere Fälle, gewerbsmäßiges oder bandenmäßiges Handeln, mehrere Einzeltaten und weitere Begleitumstände können zu deutlich höheren Strafen führen.

Delikt Typischer Vorwurf Gesetzlicher Grundstrafrahmen
Betrug Täuschung über Tatsachen, die zu einem Irrtum, einer vermögensmindernden Verfügung und einem Schaden führt Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren, § 263 StGB
Computerbetrug Vermögensschädigende Manipulation oder unbefugte Beeinflussung eines Datenverarbeitungsvorgangs Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren, § 263a StGB
Subventionsbetrug Unrichtige oder unvollständige Angaben zu subventionserheblichen Tatsachen Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren, § 264 StGB
Kapitalanlagebetrug Unrichtige vorteilhafte Angaben oder das Verschweigen nachteiliger Tatsachen beim Vertrieb bestimmter Kapitalanlagen Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren, § 264a StGB
Untreue Missbrauch einer Verfügungsbefugnis oder Verletzung einer Vermögensbetreuungspflicht mit Vermögensnachteil Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren, § 266 StGB
Vorenthalten von Arbeitsentgelt Pflichtwidriges Vorenthalten von Sozialversicherungsbeiträgen Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren, § 266a StGB
Bankrott Bestimmte Vermögensverschiebungen, Buchführungsverstöße oder Verschleierungen in einer wirtschaftlichen Krise Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren, § 283 StGB
Insolvenzverschleppung Nicht, nicht richtig oder nicht rechtzeitig gestellter Insolvenzantrag Bei Vorsatz Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren; bei Fahrlässigkeit bis zu einem Jahr, § 15a InsO
Steuerhinterziehung Unrichtige, unvollständige oder unterlassene Angaben, durch die Steuern verkürzt oder Vorteile erlangt werden Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren; in besonders schweren Fällen sechs Monate bis zehn Jahre, § 370 AO
Ausschreibungsabsprachen Abgabe eines Angebots aufgrund einer rechtswidrigen Absprache zur Beschränkung des Wettbewerbs Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren, § 298 StGB
Bestechlichkeit und Bestechung im geschäftlichen Verkehr Vorteil als Gegenleistung für eine unlautere Bevorzugung oder eine Pflichtverletzung im Wettbewerb Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren, § 299 StGB
Geldwäsche Bestimmter Umgang mit Vermögensgegenständen, die aus einer rechtswidrigen Tat herrühren Im Grundtatbestand Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren, § 261 StGB
Verletzung von Geschäftsgeheimnissen Unbefugte Erlangung, Nutzung oder Offenlegung geschützter Unternehmensinformationen Im Grundtatbestand Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren, § 23 GeschGehG

Warum der Strafrahmen allein wenig über den Einzelfall aussagt

Die tatsächlich verhängte Sanktion hängt unter anderem ab von:

  • Höhe des Schadens,
  • Dauer und Planung der Tat,
  • Zahl der Einzeltaten,
  • Position und Verantwortungsbereich des Beschuldigten,
  • persönlicher Bereicherung,
  • gewerbsmäßigem oder bandenmäßigem Vorgehen,
  • Vorstrafen,
  • Geständnis und Kooperation,
  • Schadenswiedergutmachung,
  • Dauer des Strafverfahrens,
  • Vorliegen besonders schwerer Fälle oder Qualifikationen.

Neben einer Geld- oder Freiheitsstrafe können Einziehung, Berufsfolgen, gesellschaftsrechtliche Konsequenzen und erhebliche zivilrechtliche Ansprüche hinzukommen.

Wirtschaftsstraftaten

Wirtschaftsstraftaten

6. Was ist keine Wirtschaftsstraftat?

Nicht jedes wirtschaftlich nachteilige Verhalten ist strafbar.

Unternehmerischer Misserfolg

Eine Fehlinvestition, ein gescheitertes Geschäftsmodell oder eine nicht aufgegangene Prognose begründen für sich allein keine Strafbarkeit. Wirtschaftliches Handeln ist mit Risiken verbunden. Strafrechtlich relevant wird eine Entscheidung erst, wenn die Merkmale eines bestimmten Straftatbestands erfüllt sind.

Vertragsverletzung

Eine unbezahlte Rechnung oder die Nichterfüllung eines Vertrages ist zunächst eine zivilrechtliche Angelegenheit. Betrug liegt nicht allein deshalb vor, weil eine Leistung später nicht erbracht oder bezahlt wird.

Erforderlich ist insbesondere eine vorsätzliche Täuschung, die bereits bei Vertragsschluss oder zu einem anderen relevanten Zeitpunkt vorlag und einen Vermögensschaden verursachte.

Insolvenz

Auch eine Insolvenz ist kein strafbares Ereignis. Unternehmen können trotz ordnungsgemäßer Geschäftsführung zahlungsunfähig oder überschuldet werden.

Strafrechtliche Risiken entstehen beispielsweise, wenn:

  • ein erforderlicher Insolvenzantrag verspätet gestellt wird,
  • Vermögenswerte beiseitegeschafft werden,
  • Buchführungsunterlagen fehlen oder manipuliert werden,
  • einzelne Gläubiger in strafbarer Weise bevorzugt werden,
  • Sozialversicherungsbeiträge nicht abgeführt werden,
  • Geschäftspartner trotz erkannter Leistungsunfähigkeit getäuscht werden.

Schlechte Geschäftsführung

Nicht jede unzweckmäßige oder verlustreiche Managemententscheidung ist Untreue. Erforderlich sind unter anderem eine qualifizierte Pflicht zur Betreuung fremden Vermögens, eine Verletzung dieser Pflicht, ein Vermögensnachteil und der erforderliche Vorsatz.

Ordnungswidrigkeit

Manche Verstöße werden nicht als Straftat, sondern als Ordnungswidrigkeit geahndet. Auch solche Verfahren können für Unternehmen wegen hoher Geldbußen und aufsichtsrechtlicher Folgen erheblich sein. Straftat und Ordnungswidrigkeit müssen dennoch begrifflich getrennt werden.

7. Wer kann wegen einer Wirtschaftsstraftat verantwortlich sein?

Strafrechtlich verantwortlich sind grundsätzlich natürliche Personen. In Unternehmen kommen insbesondere folgende Personengruppen in Betracht:

  • Geschäftsführer und Vorstände,
  • Gesellschafter mit tatsächlichem Einfluss auf die Geschäftsführung,
  • Prokuristen und leitende Angestellte,
  • Mitarbeiter aus Buchhaltung, Vertrieb, Einkauf oder Finanzen,
  • faktische Geschäftsführer,
  • Steuerberater, Wirtschaftsprüfer oder sonstige Berater,
  • externe Geschäftspartner,
  • Anstifter und Gehilfen.

Organ- und Vertreterhaftung

Straftatbestände knüpfen teilweise an besondere persönliche Merkmale an, etwa an die Stellung als Arbeitgeber, Vermögensbetreuungspflichtiger oder Unternehmensorgan.

§ 14 StGB regelt, unter welchen Voraussetzungen solche Merkmale einem gesetzlichen Vertreter oder Beauftragten zugerechnet werden können.

Die formale Stellenbezeichnung entscheidet dabei nicht immer allein. Maßgeblich kann auch sein, wer tatsächlich Unternehmensentscheidungen trifft, Zahlungen steuert oder die Geschäfte nach außen und innen beherrscht.

Mehrere Verantwortliche

In komplexen Organisationen kann eine Tat mehreren Personen zugerechnet werden. Denkbar sind insbesondere:

  • gemeinschaftliche Tatbegehung,
  • Anstiftung,
  • Beihilfe,
  • Verantwortlichkeit durch pflichtwidriges Unterlassen,
  • Aufsichtspflichtverletzungen,
  • arbeitsteiliges Zusammenwirken verschiedener Abteilungen.

Eine bloße hierarchische Position führt jedoch nicht automatisch zur Strafbarkeit. Die individuelle Tatbeteiligung, Zuständigkeit, Kenntnis und Entscheidungsmacht müssen festgestellt werden.

8. Können Unternehmen selbst bestraft werden?

Nach geltendem deutschen Kernstrafrecht richtet sich die persönliche strafrechtliche Schuld grundsätzlich gegen natürliche Personen. Eine GmbH, Aktiengesellschaft oder andere juristische Person kann nicht zu einer Freiheitsstrafe verurteilt werden.

Das bedeutet jedoch nicht, dass ein Unternehmen folgenlos bleibt.

Verbandsgeldbuße nach § 30 OWiG

Gegen juristische Personen und Personenvereinigungen kann eine Geldbuße festgesetzt werden, wenn eine Leitungsperson eine Straftat oder Ordnungswidrigkeit begangen hat und dadurch insbesondere Pflichten des Verbandes verletzt oder der Verband bereichert wurde beziehungsweise werden sollte.

Bei einer vorsätzlichen Bezugstat beträgt das gesetzliche Grundhöchstmaß der Verbandsgeldbuße nach § 30 OWiG bis zu zehn Millionen Euro. Vermögensabschöpfende Komponenten können die wirtschaftliche Belastung darüber hinaus erhöhen.

Aufsichtspflichtverletzung nach § 130 OWiG

Unternehmensinhaber und Leitungspersonen müssen erforderliche und zumutbare Aufsichtsmaßnahmen treffen, um betriebsbezogene Verstöße zu verhindern oder wesentlich zu erschweren.

Unterbleibt eine angemessene Organisation oder Überwachung, kann eine Aufsichtspflichtverletzung vorliegen.

Einziehung von Taterträgen

Vermögenswerte, die durch oder für eine rechtswidrige Tat erlangt wurden, können eingezogen werden. Das kann auch ein Unternehmen betreffen, das selbst nicht Beschuldigter im klassischen Sinn ist, aber aus der Tat einen wirtschaftlichen Vorteil erhalten hat.

Die Einziehung kann wirtschaftlich schwerer wiegen als die eigentliche Geldstrafe oder Geldbuße. Sie orientiert sich am Erlangten und nicht allein an der individuellen Schuld.

9. Wer verfolgt Wirtschaftsstraftaten?

Die Aussage, allein die Staatsanwaltschaft sei Verfolgungsbehörde, ist zu pauschal.

Staatsanwaltschaft

Die Staatsanwaltschaft ist grundsätzlich für die Verfolgung von Straftaten zuständig. Liegen zureichende tatsächliche Anhaltspunkte vor, muss sie den Sachverhalt untersuchen.

Dabei hat sie sowohl belastende als auch entlastende Umstände zu ermitteln.

Polizei

Die Polizei führt zahlreiche praktische Ermittlungsmaßnahmen durch. Sie nimmt Anzeigen auf, vernimmt Personen, wertet Unterlagen und Daten aus und trifft Maßnahmen, die keinen Aufschub dulden.

Ihre Ermittlungen erfolgen grundsätzlich unter der Sachleitung der Staatsanwaltschaft.

Finanz- und Zollbehörden

Bei Steuerstraftaten besitzen Finanzbehörden besondere Ermittlungsbefugnisse. Je nach Sachgebiet können beispielsweise Finanzämter, Steuerfahndungsstellen, Hauptzollämter oder das Bundeszentralamt für Steuern tätig werden.

Unter den gesetzlichen Voraussetzungen können Finanzbehörden Ermittlungsverfahren selbstständig führen. Die Staatsanwaltschaft kann das Verfahren übernehmen.

Weitere beteiligte Stellen

Je nach Delikt können zusätzlich eingebunden sein:

  • Bundeskriminalamt oder Landeskriminalämter,
  • Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht,
  • Kartellbehörden,
  • Zollfahndung,
  • Finanzkontrolle Schwarzarbeit,
  • Insolvenzgerichte und Insolvenzverwalter,
  • Gewerbe- und Aufsichtsbehörden,
  • ausländische Ermittlungs- und Justizbehörden.

Diese Stellen sind nicht notwendigerweise selbst Strafverfolgungsbehörden. Sie können aber Sachverhalte aufdecken, Informationen übermitteln, Verwaltungsverfahren führen oder Ermittlungen unterstützen.

10. Welches Gericht ist für Wirtschaftsstraftaten zuständig?

Nicht jede Wirtschaftsstraftat wird vor einer Wirtschaftsstrafkammer verhandelt.

Amtsgericht

Das Amtsgericht ist grundsätzlich zuständig, wenn die Sache nicht aufgrund besonderer Vorschriften dem Landgericht zugewiesen ist und keine höhere Freiheitsstrafe als vier Jahre zu erwarten ist.

Abhängig von der Straferwartung entscheidet der Strafrichter oder das Schöffengericht.

Landgericht

Das Landgericht ist insbesondere zuständig, wenn eine Freiheitsstrafe von mehr als vier Jahren, eine Unterbringung oder eine sonstige gesetzlich bestimmte Folge zu erwarten ist oder besondere Zuständigkeitsregeln eingreifen.

Wirtschaftsstrafkammer

Eine Wirtschaftsstrafkammer ist eine spezialisierte Strafkammer des Landgerichts. Sie ist für die in § 74c GVG bezeichneten Verfahren zuständig, wenn zugleich die Zuständigkeit des Landgerichts gegeben ist.

Bei bestimmten allgemeinen Delikten wie Betrug, Computerbetrug oder Untreue kommt es zusätzlich darauf an, ob für die Beurteilung des Falles besondere Kenntnisse des Wirtschaftslebens erforderlich sind.

Daraus folgt:

  • Nicht jeder Betrugsfall ist eine Wirtschaftsstrafkammer-Sache.
  • Nicht jede Steuerstraftat wird vor dem Landgericht verhandelt.
  • Nicht jedes Insolvenzdelikt führt zu einer Hauptverhandlung.
  • Auch umfangreiche Wirtschaftsverfahren können durch Einstellung oder Strafbefehl beendet werden.

11. Wie läuft ein Wirtschaftsstrafverfahren ab?

Wirtschaftsstrafverfahren folgen grundsätzlich den Regeln der Strafprozessordnung. Aufgrund der Datenmengen, der Zahl beteiligter Personen und der wirtschaftlichen Zusammenhänge können sie jedoch besonders umfangreich sein.

1. Anfangsverdacht

Ein Verfahren beginnt, wenn zureichende tatsächliche Anhaltspunkte für eine verfolgbare Straftat vorliegen.

Auslöser können beispielsweise sein:

  • eine Strafanzeige,
  • eine Betriebs- oder Steuerprüfung,
  • eine Verdachtsmeldung,
  • Erkenntnisse eines Insolvenzverwalters,
  • Hinweise von Mitarbeitern oder Geschäftspartnern,
  • eine Selbstanzeige oder Selbstoffenbarung,
  • Erkenntnisse aus einem anderen Ermittlungsverfahren,
  • Meldungen von Banken oder Aufsichtsbehörden.

Ein Anfangsverdacht ist noch kein Nachweis der Schuld.

2. Ermittlungsverfahren

Im Ermittlungsverfahren werden belastende und entlastende Tatsachen gesammelt. Typische Beweismittel sind:

  • Verträge und Rechnungen,
  • Buchhaltungs- und Steuerdaten,
  • E-Mails und Messenger-Nachrichten,
  • Bank- und Zahlungsdaten,
  • Protokolle von Geschäftsführungs- oder Vorstandssitzungen,
  • interne Richtlinien und Freigaben,
  • Gutachten,
  • Zeugenaussagen,
  • beschlagnahmte Computer und Mobiltelefone.

Unter den gesetzlichen Voraussetzungen können Geschäftsräume oder Wohnungen durchsucht und Gegenstände beziehungsweise Daten sichergestellt oder beschlagnahmt werden.

3. Abschluss des Ermittlungsverfahrens

Nach Abschluss der Ermittlungen kommen insbesondere in Betracht:

  • Einstellung mangels hinreichenden Tatverdachts,
  • Einstellung wegen geringer Schuld,
  • Einstellung gegen Auflagen oder Weisungen,
  • Antrag auf Erlass eines Strafbefehls,
  • Erhebung der öffentlichen Klage.

Ein Strafbefehl ermöglicht bei bestimmten Rechtsfolgen eine Entscheidung ohne vorherige Hauptverhandlung. Gegen einen zugestellten Strafbefehl kann innerhalb der gesetzlichen Frist Einspruch eingelegt werden.

4. Zwischen- und Hauptverfahren

Nach einer Anklage prüft das Gericht, ob das Hauptverfahren eröffnet wird. In der Hauptverhandlung werden Beweise erhoben und die strafrechtliche Verantwortung der angeklagten Personen geklärt.

Komplexe Wirtschaftsstrafverfahren können zahlreiche Verhandlungstage umfassen. Umfang allein ist jedoch kein Beweis für Schuld.

12. Welche Rechte hat ein Beschuldigter?

Ein Beschuldigter muss sich nicht selbst belasten. Vor einer Vernehmung ist er insbesondere darauf hinzuweisen, dass es ihm freisteht, sich zur Beschuldigung zu äußern oder nicht zur Sache auszusagen und einen Verteidiger zu befragen.

Zu den praktisch wichtigsten Rechten gehören:

  • Recht zu schweigen,
  • Recht auf Verteidigerbeistand,
  • Recht auf Akteneinsicht nach den gesetzlichen Voraussetzungen,
  • Recht, Beweisanträge und entlastende Umstände vorzubringen,
  • Recht, gerichtliche Entscheidungen und Zwangsmaßnahmen überprüfen zu lassen,
  • Recht auf ein faires Verfahren.

Schweigen ist kein Schuldeingeständnis. Gerade bei komplexen wirtschaftlichen Sachverhalten kann eine scheinbar harmlose spontane Erklärung unbeabsichtigt unvollständig oder missverständlich sein.

Beschuldigter, Zeuge oder Unternehmensvertreter?

Vor jeder Aussage sollte geklärt werden, in welcher Rolle eine Person befragt wird:

  • Ein Beschuldigter darf zur Sache schweigen.
  • Ein Zeuge ist grundsätzlich zur wahrheitsgemäßen Aussage verpflichtet, kann aber gesetzliche Zeugnis- oder Auskunftsverweigerungsrechte besitzen.
  • Ein Unternehmensvertreter kann zugleich persönlich beschuldigt sein.
  • Das Unternehmen und eine Leitungsperson können unterschiedliche rechtliche Interessen haben.

Diese Rollen dürfen nicht vorschnell gleichgesetzt werden.

13. Was ist bei einer Durchsuchung im Unternehmen zu beachten?

Eine Durchsuchung ist für Unternehmen organisatorisch und rechtlich belastend. Unüberlegte Reaktionen können zusätzliche Probleme schaffen.

Sinnvolle Sofortmaßnahmen sind:

  1. Ruhe bewahren und die Maßnahme nicht behindern.
  2. Verantwortliche Ansprechpartner und strafrechtliche Beratung informieren.
  3. Durchsuchungsbeschluss und Umfang der Maßnahme erfassen.
  4. Keine spontanen Erklärungen zur Sache abgeben.
  5. Keine Unterlagen oder Daten vernichten, verändern oder zurückhalten.
  6. Beschlagnahmte Gegenstände und Daten dokumentieren.
  7. Auf die Sicherung des fortlaufenden Geschäftsbetriebs achten.
  8. Kommunikation gegenüber Mitarbeitern, Kunden und Medien zentral koordinieren.

Eine Durchsuchung beweist nicht, dass die betroffene Person oder das Unternehmen eine Straftat begangen hat. Sie dient der Suche nach Beweismitteln aufgrund eines bestehenden Verdachts.

14. Welche Folgen können Wirtschaftsstraftaten haben?

Die Auswirkungen reichen weit über die eigentliche Geld- oder Freiheitsstrafe hinaus.

Strafrechtliche Folgen

Möglich sind insbesondere:

  • Geldstrafe,
  • Freiheitsstrafe mit oder ohne Bewährung,
  • Einziehung von Taterträgen,
  • Vermögensarrest zur Sicherung der Einziehung,
  • Berufsverbote,
  • Nebenfolgen und Bekanntmachungen.

Folgen für Geschäftsführer und Vorstände

Bestimmte rechtskräftige Verurteilungen können dazu führen, dass eine Person für einen gesetzlich bestimmten Zeitraum nicht Geschäftsführer einer GmbH sein darf.

§ 6 GmbHG enthält hierzu konkrete Ausschlussgründe und sieht bei bestimmten Verurteilungen regelmäßig einen Zeitraum von fünf Jahren vor.

Daneben kommen in Betracht:

  • Abberufung,
  • Kündigung,
  • persönliche Schadensersatzansprüche,
  • Regressforderungen des Unternehmens,
  • Verlust von Versicherungsschutz,
  • berufs- oder aufsichtsrechtliche Maßnahmen.

Folgen für das Unternehmen

Möglich sind unter anderem:

  • Verbandsgeldbußen,
  • Einziehung wirtschaftlicher Vorteile,
  • Schadensersatz- und Rückzahlungsforderungen,
  • Steuernachforderungen und Zinsen,
  • Verlust von Genehmigungen oder Zulassungen,
  • Kündigung von Finanzierungs- und Geschäftsbeziehungen,
  • Ausschluss von Vergabeverfahren,
  • erheblicher Reputationsschaden.

Bei bestimmten rechtskräftigen Verurteilungen oder schwerwiegendem Fehlverhalten kann ein Unternehmen von öffentlichen Vergabeverfahren ausgeschlossen werden.

Außerdem kann eine Gewerbeuntersagung in Betracht kommen, wenn Tatsachen die gewerberechtliche Unzuverlässigkeit belegen.

Zivil- und insolvenzrechtliche Folgen

Parallel zum Strafverfahren können Ansprüche entstehen auf:

  • Schadensersatz,
  • Rückzahlung,
  • Herausgabe,
  • Insolvenzanfechtung,
  • Organhaftung,
  • Ausgleich gegenüber Mitgesellschaftern,
  • Erstattung von Ermittlungs- oder Untersuchungskosten.

Strafverfahren, Zivilverfahren, Steuerverfahren, Insolvenzverfahren und aufsichtsrechtliche Verfahren können gleichzeitig geführt werden. Die in einem Verfahren abgegebene Erklärung kann Auswirkungen auf andere Verfahren haben.

15. Warum sind Insolvenzstraftaten für Geschäftsführer besonders relevant?

Unternehmenskrisen entwickeln sich häufig schrittweise. Liquiditätsengpässe, Zahlungsaufschübe, Gesellschafterdarlehen, nicht gezahlte Sozialversicherungsbeiträge und unvollständige Buchhaltung können sich gegenseitig verstärken.

Für Geschäftsleiter sind insbesondere folgende Fragen entscheidend:

  • Ist das Unternehmen zahlungsunfähig?
  • Liegt eine Überschuldung im insolvenzrechtlichen Sinn vor?
  • Besteht noch eine tragfähige Fortführungsprognose?
  • Wann begann eine mögliche Insolvenzreife?
  • Welche Zahlungen wurden danach noch geleistet?
  • Wurden Sozialversicherungsbeiträge und Steuern ordnungsgemäß behandelt?
  • Ist die Buchführung vollständig und nachvollziehbar?
  • Wurde ein erforderlicher Insolvenzantrag rechtzeitig gestellt?

Insolvenzverschleppung und Bankrott sind unterschiedliche Delikte

Die Begriffe dürfen nicht gleichgesetzt werden.

Insolvenzverschleppung betrifft im Kern die Verletzung der Pflicht, einen Insolvenzantrag rechtzeitig und ordnungsgemäß zu stellen.

Bankrott erfasst bestimmte Handlungen in einer wirtschaftlichen Krise, beispielsweise das Beiseiteschaffen von Vermögen, das Verheimlichen wirtschaftlicher Verhältnisse oder erhebliche Buchführungsverstöße.

Beide Vorwürfe können nebeneinander auftreten, müssen aber jeweils eigenständig geprüft und nachgewiesen werden.

16. Wie können Unternehmen Wirtschaftsstraftaten vorbeugen?

Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Ein angemessenes internes Kontroll- und Compliance-System kann Risiken jedoch erheblich reduzieren und dazu beitragen, Verstöße frühzeitig zu erkennen.

Klare Zuständigkeiten

Unternehmen sollten nachvollziehbar festlegen:

  • Wer darf Verträge abschließen?
  • Wer darf Zahlungen anweisen und freigeben?
  • Wer überwacht Steuern, Sozialabgaben und Insolvenzanzeichen?
  • Wer prüft Interessenkonflikte?
  • Wer entscheidet über ungewöhnliche oder besonders risikoreiche Geschäfte?

Funktionstrennung und Vier-Augen-Prinzip

Zahlungsanweisung, Freigabe, Verbuchung und Kontrolle sollten nicht vollständig bei derselben Person liegen. Das gilt besonders für:

  • Bankzahlungen,
  • Stammdatenänderungen,
  • Gutschriften,
  • Barzahlungen,
  • Provisionsvereinbarungen,
  • Beraterverträge,
  • Geschäfte mit nahestehenden Personen.

Dokumentierte Entscheidungen

Wesentliche unternehmerische Entscheidungen sollten mit ihrer Tatsachengrundlage dokumentiert werden. Dazu können gehören:

  • wirtschaftliche Prognosen,
  • Alternativen,
  • Risiken,
  • eingeholte Beratung,
  • Interessenkonflikte,
  • Zustimmungen und Freigaben.

Eine nachträgliche Dokumentation darf nicht verfälscht oder rückdatiert werden.

Krisenfrüherkennung

Unternehmen benötigen aktuelle Informationen über:

  • Liquiditätsbestand,
  • fällige und überfällige Verbindlichkeiten,
  • kurzfristige Finanzierungslücken,
  • offene Steuern und Sozialversicherungsbeiträge,
  • Forderungsausfälle,
  • Kreditkündigungen,
  • Vollstreckungsmaßnahmen.

Gerade in einer Krise reichen Jahresabschlüsse oder monatliche Auswertungen allein häufig nicht aus. Entscheidend ist eine laufende, belastbare Liquiditätsübersicht.

Hinweis- und Eskalationswege

Mitarbeiter sollten wissen, wo sie Verdachtsfälle melden können. Hinweise müssen vertraulich, sachlich und ohne Vorverurteilung geprüft werden.

Zugleich sind Persönlichkeitsrechte, Datenschutz und arbeitsrechtliche Vorgaben zu beachten.

Reaktionsplan für Ermittlungsmaßnahmen

Ein Unternehmen sollte vorab festlegen:

  • Wer koordiniert eine Durchsuchung?
  • Wer verständigt die Geschäftsleitung und Rechtsberatung?
  • Wie werden IT-Zugänge und Betriebsfähigkeit gesichert?
  • Wer kommuniziert mit Mitarbeitern, Kunden, Banken und Medien?
  • Wie werden beschlagnahmte Gegenstände dokumentiert?

17. Wie verbreitet ist Wirtschaftskriminalität?

Wirtschaftskriminalität verursacht regelmäßig erhebliche Schäden bei Unternehmen, Verbrauchern, Anlegern, Gläubigern und öffentlichen Haushalten.

Die tatsächliche Verbreitung lässt sich jedoch nur eingeschränkt anhand offizieller Fallzahlen beurteilen. Polizeiliche Statistiken erfassen in erster Linie Straftaten, die Behörden bekannt geworden und statistisch registriert worden sind.

Nicht entdeckte oder nicht angezeigte Taten erscheinen darin nicht. Hinzu kommt, dass einzelne umfangreiche Sammel- oder Serienverfahren die Fallzahlen eines Jahres erheblich beeinflussen können.

Wirtschaftskriminalität lässt sich deshalb nicht allein anhand der Zahl registrierter Fälle bewerten. Wegen hoher Einzelschäden, zahlreicher Geschädigter und möglicher Folgewirkungen kann bereits eine vergleichsweise kleine Zahl komplexer Verfahren erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen haben.

Häufig gestellte Fragen zu Wirtschaftsstraftaten

Was ist eine Wirtschaftsstraftat in einem Satz?

Eine Wirtschaftsstraftat ist eine gesetzlich mit Strafe bedrohte Handlung oder Unterlassung, die in einem besonderen Zusammenhang mit wirtschaftlicher Betätigung, Unternehmen, Vermögen, Märkten, Steuern, Wettbewerb oder Insolvenz steht.

Welche Wirtschaftsstraftaten gibt es?

Typische Beispiele sind Betrug, Computerbetrug, Subventionsbetrug, Untreue, Steuerhinterziehung, Bankrott, Insolvenzverschleppung, Vorenthalten von Sozialversicherungsbeiträgen, Korruptionsdelikte, Ausschreibungsabsprachen, Geldwäsche, Marktmanipulation und der Verrat von Geschäftsgeheimnissen.

Ist Steuerhinterziehung eine Wirtschaftsstraftat?

Ja. Steuerstraftaten gehören zu den klassischen Bereichen des Wirtschaftsstrafrechts. Zuständig können neben Staatsanwaltschaft und Polizei auch Finanz- oder Zollbehörden sein.

Ist Insolvenzverschleppung eine Wirtschaftsstraftat?

Ja. Die vorsätzliche oder fahrlässige Verletzung einer bestehenden Insolvenzantragspflicht kann nach § 15a InsO strafbar sein. Die Insolvenz selbst ist dagegen keine Straftat.

Ist jeder Betrug eine Wirtschaftsstraftat?

Nein. Ein einfacher Betrug zwischen Privatpersonen wird nicht allein wegen eines Vermögensschadens zur komplexen Wirtschaftsstrafsache.

Für die Zuständigkeit einer Wirtschaftsstrafkammer kann es insbesondere darauf ankommen, ob besondere Kenntnisse des Wirtschaftslebens erforderlich sind.

Was ist der Unterschied zwischen Betrug und Untreue?

Beim Betrug wird das Opfer durch eine Täuschung zu einer vermögensschädigenden Verfügung veranlasst.

Bei der Untreue verletzt eine Person eine ihr obliegende Pflicht zur Betreuung fremden Vermögens und verursacht dadurch einen Vermögensnachteil.

Ist eine Vertragsverletzung bereits Betrug?

Nein. Eine Vertragsverletzung ist zunächst zivilrechtlich zu beurteilen. Für Betrug müssen zusätzlich insbesondere eine vorsätzliche Täuschung, ein dadurch hervorgerufener Irrtum und ein Vermögensschaden nachgewiesen werden.

Wer ermittelt bei Wirtschaftsstraftaten?

In der Regel leitet die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren und beauftragt die Polizei mit Ermittlungsmaßnahmen.

Bei Steuerstraftaten können Finanz- und Zollbehörden aufgrund besonderer gesetzlicher Befugnisse selbstständig ermitteln.

Kommt jede Wirtschaftsstraftat vor eine Wirtschaftsstrafkammer?

Nein. Je nach Straferwartung, Tatvorwurf und gesetzlicher Zuständigkeit kann das Amtsgericht oder das Landgericht zuständig sein.

Eine Wirtschaftsstrafkammer entscheidet nur, wenn die Voraussetzungen des § 74c GVG erfüllt sind.

Kann eine GmbH strafrechtlich verurteilt werden?

Eine GmbH wird nicht wie eine natürliche Person zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.

Gegen sie können jedoch insbesondere eine Verbandsgeldbuße, die Einziehung erlangter Vermögenswerte und weitere verwaltungs-, vergabe- oder gewerberechtliche Maßnahmen angeordnet werden.

Ist Fahrlässigkeit bei Wirtschaftsstraftaten ausreichend?

Nur wenn das jeweilige Gesetz fahrlässiges Verhalten ausdrücklich unter Strafe stellt. Viele Wirtschaftsstraftaten setzen Vorsatz voraus.

Bei der Insolvenzverschleppung existiert beispielsweise auch eine fahrlässige Begehungsform.

Wie hoch ist die Strafe für eine Wirtschaftsstraftat?

Es gibt keinen einheitlichen Strafrahmen. Je nach Tatbestand reicht die mögliche Sanktion von einer Geldstrafe bis zu mehrjährigen Freiheitsstrafen.

Besonders schwere, gewerbsmäßige oder bandenmäßige Fälle können wesentlich schärfer bestraft werden.

Wann verjährt eine Wirtschaftsstraftat?

Die Verjährungsfrist hängt vom jeweiligen Straftatbestand und dessen gesetzlicher Höchststrafe ab. Hinzu kommen mögliche Unterbrechungs- und Ruhenstatbestände.

Eine allgemeine Verjährungsfrist für alle Wirtschaftsstraftaten existiert daher nicht.

Darf ein Beschuldigter schweigen?

Ja. Ein Beschuldigter muss keine Angaben zur Sache machen und darf vor einer Aussage einen Verteidiger konsultieren.

Die Personalien müssen im gesetzlich vorgesehenen Umfang angegeben werden. Eine inhaltliche Selbstbelastung ist nicht erforderlich.

Ist eine Durchsuchung bereits ein Beweis für eine Straftat?

Nein. Eine Durchsuchung ist eine Ermittlungsmaßnahme zur Auffindung von Beweismitteln. Sie setzt einen hinreichend konkretisierten Verdacht und die gesetzlichen Voraussetzungen voraus, bedeutet aber keine Feststellung der Schuld.

Wirtschaftsstraftaten sind keine einheitliche Deliktsgruppe mit einer einzigen gesetzlichen Definition. Der Begriff umfasst zahlreiche Straftaten aus dem Strafgesetzbuch, dem Insolvenz-, Steuer-, Gesellschafts-, Kapitalmarkt-, Wettbewerbs- und weiteren Wirtschaftsrecht.

§ 74c GVG bietet eine wichtige Orientierung, regelt aber in erster Linie die Zuständigkeit von Wirtschaftsstrafkammern. Nicht jedes wirtschaftlich schädliche Verhalten ist strafbar, nicht jedes Wirtschaftsverfahren wird vor dem Landgericht verhandelt und nicht ausschließlich die Staatsanwaltschaft kann Ermittlungen führen.

Für eine strafrechtliche Verantwortung müssen stets die Merkmale eines konkreten Straftatbestands nachgewiesen werden. Neben Geld- und Freiheitsstrafen können Einziehung, persönliche Haftung, gesellschaftsrechtliche Tätigkeitsverbote, Verbandsgeldbußen, Vergabeausschlüsse und erhebliche wirtschaftliche Folgeschäden eintreten.

Unternehmen sollten deshalb nicht nur auf formale Compliance-Regeln setzen. Entscheidend sind nachvollziehbare Zuständigkeiten, funktionierende Kontrollen, aktuelle Finanzinformationen, dokumentierte Entscheidungen und ein belastbarer Reaktionsplan für Krisen- und Verdachtsfälle.

Redaktioneller Hinweis

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und vermittelt einen Überblick über Wirtschaftsstraftaten und das Wirtschaftsstrafrecht. Er ersetzt keine rechtliche Beratung und keine Prüfung des konkreten Einzelfalls.